Verband der Hermann-Löns-Kreise in Deutschland und Österreich e.V.  (Löns-Verband)

 

 

 

 

Hermann Löns: Der Wehrwolf.  Eine Bauernchronik

Von Dr. Widar Lehnemann, Lünen

 

In seinem 1910 erschienenen Roman "Der Wehrwolf. Eine Bauernchronik" stellt Hermann Löns (1866 - 1914) dar, wie sich niedersächsische Bauern im Dreißigjährigen Krieg gegen Soldateska und Marodeure wehren, um zu überleben. Die Struktur des Werkes wird weder durch einen Handlungszusammenhang noch durch das Leben einer Figur bestimmt, sondern durch Ereignisse, die der Dreißigjährige Krieg (1618 - 1648) mit sich bringt und die diesen Zeitraum zugleich konturieren. Der Titel des Buches bezieht sich auf eine Gemeinschaft von Bauern, die sich um die Hauptperson Harm Wulf scharen und ein Verteidigungsbündnis bilden.

 

Das Thema des Krieges wird in 13 Kapiteln, deren Überschriften sich auf Gruppierungen unterschiedlicher Art beziehen, entfaltet. Das erste und das letzte Kapitel haben dieselbe Überschrift: "Die Heidbauern". Dazwischen liegen elf Kapitel, die zum einen die verschiedenen Aggressoren, zum anderen die Bauern in den Blick rücken. Die Kriegsvölker werden durch Angabe ihrer Zugehörigkeit bezeichnet: "Die Mansfelder" (Kap. 2), "Die Braunschweiger" (Kap. 3), "Die Weimaraner" (Kap. 4), "Die Marodebrüder" (Kap. 5), "Die Kaiserlichen" (Kap. 11), "Die Schweden" (Kap. 12). Die Bauern werden nach ihrem Wohngebiet oder auf Grund ihrer Tätigkeit charakterisiert: "Die Bruchbauern" (Kap. 6), "Die Wehrwölfe" (Kap. 7), "Die Schnitter" (Kap. 8), "Die Kirchenleute" (Kap. 9), "Die Hochzeiter" (Kap. 10). Kapitel 7 bildet äußerlich und innerlich die Mitte des Buches: fünf Kapitel Kriegsgeschehen gehen voraus und fünf folgen, in ihm findet der Titel seine Rechtfertigung. Kapitel 1 und 13 bilden einen Rahmen.

 

Die Binnenhandlung erstreckt sich über die Jahre 1623 bis 1648. Der Ablauf der Zeit wird vornehmlich durch unbestimmte Angaben bewusst gemacht: "Es war ein grauer Märztag ..." ([1],  S. 205), "Anderthalb Jahre später ..." ([1], S. 243). Nur wenige kalendarische Daten werden hervorgehoben: das Jahr 1623 (Kap. 1), als der Krieg die Heide erreicht; der 18.11.1623, als Johanna, die zweite Frau des Wulfsbauern, beigesetzt wird und der Schwedenkönig Gustav Adolf bei Lützen fällt. Erschließen lassen sich die Jahre 1831 (Zerstörung Magdeburgs: 10.5.) und 1648 (Westfälischer Friede: 24.10.). Mit diesen Ereignissen spielt die "große" Geschichte in die "kleine" Welt der Bauern hinein.

 

Sieht man ab von den erwähnten Daten und den historischen Begebenheiten, die in den Rahmenkapiteln gestreift werden, teilt der Erzähler (in seiner Rolle als Chronist des Dorfes) die Unwissenheit der Bauern im Hinblick auf die Weltgeschichte. Er gehört zum Dorfe, hat hier aber eine besondere Affinität zum Wulfsbauern. Als der Wulfshof überfallen wird, befindet er sich beim Wulfsbauern, der mit seinem Knecht unterwegs ist. Als der Wulfsbauer in Celle vom Herzog empfangen wird, ist auch er präsent. Fernliegendes - wie das Schicksal von Johannes Eltern - wird im Bericht einer beteiligten Person vermittelt.

 

Der Inhalt lässt sich unschwer zusammenfassen. Das Buch handelt - in immer neuen Variationen - vom Kampf der Bauern gegen die Kriegsvölker. Man tut Löns kein Unrecht, wenn man sagt: bis an die Grenze des Erträglichen. Die Vorwürfe, die ihm in diesem Zusammenhang gemacht worden sind, beziehen sich nicht zuletzt auf die Sprache, die er den Bauern in den Mund legt, die er als Erzähler aber auch selbst verwendet. So wird "Töten" als "Wehrarbeit" bezeichnet, und "beerdigen" erscheint als "beiroden", um nur diese Beispiele zu nennen. Die Verwendung mundartlicher Ausdrücke gibt der Darstellung Kolorit, umgangssprachliche Floskeln beeinträchtigen die Stilqualität allerdings nicht selten.

 

Frönen die Bauern einem Kult der Grausamkeit? Treiben sie Scherz mit dem Makabren? Solche Fragen haben angesichts ihres Verhaltens Berechtigung. Eins steht allerdings fest: geborene Totschläger sind sie nicht. Vielleicht darf man daher in ihrer Sprache auch einen Versuch sehen, das Grausige zu bewältigen. Für diese Annahme könnte der Zusammenbruch sprechen, den der Wulfsbauer erleidet, als ihn die Nachricht vom Ende des Krieges erreicht.

 

Die Bauern, deren Leben im Kriege dargestellt wird, wohnen in einem fiktiven Ort namens Ödringen bei Celle. Als ihr Dorf zum wiederholten Male überfallen und schließlich niedergebrannt wird, ziehen sie sich ins Bruch auf den Peerhobsberg zurück. Dort siedeln sie sich an und werden so zu "Peerhobstlern". Um sich gegen die Soldateska und plündernde Banden zu behaupten, organisieren sie ihren Widerstand. Einer von ihnen, Viekenludolf, bringt das Unternehmen auf den Punkt, wenn er sagt: "Dennso bin ich der Meinung, dass wir uns die Wehrwölfe nennen und zum Zeichen, wo wir die Niedertracht gewehrt haben, drei Beilhiebe hinterlassen, einen hin, einen her und den dritten in die Quer" (Kap. 7). Dieses Zeichen, die Wolfsangel, ist auch die Hausmarke des Wulfshofes. Der Spruch im Torbalken lautet: "Helf dir selber, so helfet dir unser Herre Gott". Die Bauern beherzigen dieses Motto, als die Obrigkeit ihre Schutzfunktion nicht mehr ausüben kann. Im Prediger Puttfarken finden sie schließlich eine geistliche Instanz, die ihre Notwehr rechtfertigt, zugleich aber über ihre seelische Verrohung zutiefst betroffen ist.

 

Die Bauern praktizieren also das Faustrecht. Kann man sie - modern gesprochen - als Partisanen bezeichnen? Reguläre Truppen sind sie nicht, da sie weder Uniformen tragen noch im Auftrag der Obrigkeit handeln. Andererseits begehen sie keine Sabotageakte und reagieren mehr als zu agieren. Und noch ein Gesichtspunkt ist zu bedenken: sie möchten legitimiert sein. Endlich kann Burvogt Drewes verkünden, dass ihr Wunsch Gehör gefunden hat: "Was wir taten, mussten wir tun, aber es war uns nicht nach der Mütze, dass wir es ohne die Erlaubnis unseres Herrn Herzogs", er nahm den Hut ab und alle taten es ihm gleich, "tun mussten. Von heute ab", und er sprach heller und lachte dabei, "ist das anders, denn unser lieber Herr Herzog, den Gott erhalten möge, hat uns wissen lassen, wir sollen zusehen, dass wir uns wehren sollen, wie wir irgend können ..." (Kap. 5).

 

Hauptmann der Wehrwölfe ist der Wulfsbauer. Für diese Aufgabe ist er auf Grund seiner Persönlichkeit und seines Ansehens geeignet wie kein anderer. Er vertritt das Dorf auch gegenüber dem Herzog. Dreimal heiratet er. Seine erste Frau ist Rose Ul. Sie und ihre beiden Kinder werden von Marodeuren umgebracht. Seine zweite Frau ist Johanna, Tochter eines Predigers, den Tillysche Reiter ermordet haben. Von ihr hat er Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Nach ihrem Tode heiratet er Wieschen, die Tochter des Burvogt Drewes. Sie schenkt ihm zwei Söhne, von denen der ältere den Wulfshof wieder aufbaut, während der jüngere in Peerhobstel bleibt und sich "Niehoff" nennt. Als der Krieg zu Ende geht, ist der Wulfsbauer 50 Jahre alt. 25 Kriegsjahre hat er erlebt (1623 - 1648), 20 weitere Jahre sind ihm beschieden.

 

Bleibt noch der Untertitel "Eine Bauernchronik" in die Betrachtung einzubeziehen. Er stellt eine Gattungsangabe dar. "Chronik" bedeutet Auflistung geschichtlicher Ereignisse in zeitlicher Folge. Da "Der Wehrwolf" keine originale Chronik darstellt, sondern eine fiktionale, ist das Buch als Roman zu bezeichnen. Als solcher weist es spezifische Formelemente auf. Hingewiesen sei auf Leitmotive und den Rahmen (die Kapitel mit der Überschrift "Die Heidbauern"). Das Buch beginnt mit einer Aussage, die an der Bibel orientiert ist: "Im Anfang war es wüst und leer in der Heide". Kapitel 1 führt das Geschehen in großen geschichtlichen Schritten bis ins Jahr 1623. Das Schlusskapitel setzt beim Westfälischen Frieden ein und führt es fort bis in das Kaiserreich als Gegenwart des Autors. Nach wie vor sitzen die Wulfsbauern auf ihrem Hofe. Die Zeiten haben sich aber geändert. So freut sich der heutige Besitzer darüber, dass die Bruchbauern "ihren Mann bei der Reichtagswahl durchbekamen". An die Stelle der Bereitschaft zum Kampf im wörtlichen Sinne, wie sie vor Zeiten erforderlich war, ist die Bereitschaft zur geistigen Auseinandersetzung im Parlament getreten, wie sie der Gegenwart gemäß ist.

 

Der Rahmen relativiert die Binnenhandlung. Diese wird - bei allem Schrecklichen, das über die Menschen gekommen ist - zu einem Zwischenspiel im Ganzen der Geschichte.

 

"Der Wehrwolf" ist kein Phantasieprodukt. Löns hat für seine Abfassung umfangreiches Literatur- und Quellenstudium betrieben. Eine Wallanlage - der "Burgwall" bei dem Dorf Burg in der Nähe von Celle - inspirierte ihn und ließ vor seinem geistigen Auge Bilder der Vergangenheit erstehen. Genau kannte er den großen Roman vom Dreißigjährigen Krieg "Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der 1668 erschien. Er war also mit der Thematik vertraut. Und doch musste noch etwas hinzukommen, damit sein Roman zu dem unverwechselbaren Werk werden konnte, das er geworden ist: das Wesen des Dichters. Es ist vor allem in die Hauptperson eingeflossen.

 

In der Rezeptionsgeschichte wird "Der Wehrwolf" kontrovers beurteilt. Zur Ergänzung der vorliegenden Analyse sei auf die Einleitung zur italienischen Übersetzung "Il Wehrwolf" hingewiesen [2], die in [3]  in deutscher Übersetzung erschienen ist, (vgl. auch Seite Bibliographie).

 

Literatur:
[1] Hermann Löns: Werke. Gesamtausgabe hrsg. von Wilhelm Deimann. Hamburg 1960. 3. Bd.
[2] siehe A31 (auch A42) auf der Seite Literatur +
[3] Hermann-Löns-Blätter, Heft 1/2000 (vgl. Seite H.-Löns-Blätter)
[4] siehe auch: Hermann-Löns-Blätter, Heft 1/2007

 

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