Verband der Hermann-Löns-Kreise in Deutschland und Österreich e.V.  (Löns-Verband)

 

 

 

 

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof. Der Roman eines Dorfes

Von Dr. Widar Lehnemann, Lünen

 

"Die Häuser von Ohlenhof. Der Roman eines Dorfes" ist ein Werk aus dem Nachlass von Hermann Löns. Es erschien 1917 im Adolf Sponholtz Verlag Hannover. Nicht nur unter den Romanen des Verfassers nimmt es eine Sonderstellung ein. Nach Thematik und Komposition war es ein Novum. Es stellt weder eine in sich geschlossene Handlung noch das gegliederte Leben einer Person dar, sondern hat eine "offene" Form: 24 Kapitel addieren sich in lockerer Folge zum Portrait eines Dorfes. Einige der Kapitel rücken schon in der Überschrift "Häuser" in den Blick, es geht dem Verfasser aber vor allem um die Menschen, die in ihnen wohnen. "Alle Leute im Dorf haben eine Geschichte", heißt es an einer Stelle. Dieser Satz könnte als Motto über dem Ganzen stehen. Der Autor spricht als allwissender Erzähler. Er steht außerhalb der erzählten Welt. Mit der Redeweise der Bauern ist er vertraut und er bedient sich ihrer als Mittel der Charakterisierung. Sprachliche Experimente meidet er. Welche Häuser stehen in Ohlenhof, welche Menschen leben hier?

 

"Zum Dorf gehört ein Gasthof. Er liegt gleich am Eingang des Dorfes". So lautet denn auch das erste Kapitel "Der neue Krug". Eines Tages begeht der Wirt einen Fehler. Ohne sich der Tragweite seiner Aussage bewusst zu sein, verrät er einen Wilderer. Die Bauern halten zusammen und erinnern sich daran, dass es ja noch den "alten" Krug gibt. Der Krüger muss verkaufen, er zieht weg. Das Kapitel handelt von einem Haus und seinen Bewohnern, aber das ganze Dorf spielt mit.

Das nächste Kapitel, "Tante Janna", erzählt von einer Adeligen, der das Schicksal übel mitgespielt hat. In Ohlenhof findet sie in der Sorge für die Armen und schließlich in einem Menschen, der ihr zum "Sohn" wird, Aufgabe und Lebenssinn.

Auch "Der Dieshof" birgt ein besonderes Schicksal. Ohm Hein wollte studieren und Pfarrer werden, musste aber nach dem Tode seines älteren Bruders den Hof übernehmen. Nach sieben Jahren verliert er den Verstand, und sein jüngerer Bruder rückt auf zum Hoferben.

"Wiebenengel" ist Engelbert Wieben, der Häusling vom Dieshof, ein zuverlässiger Mensch, der hierher gekommen ist, weil der Oberförster ihn, den Arbeiter und Jagdaufseher, aus Jagdneid "rausgeschmissen" hat.

"Schermennie" - verballhorntes "Germany" - erzählt von Philipp Woltmann, der nach Amerika auswandert. Als er 20 Jahre später wieder heimkehrt, kann er im Dorf nicht mehr Fuß fassen.

"Die alte Schänke": Meyer, Sohn einer liederlichen Mutter, heiratet in den Gasthof "Zum blauen Schimmel" ein. Als er Witwer wird, ehelicht er seine Jugendliebe. So wird aus Knecht und Magd ein Besitzerehepaar.

"Helmbrechtvater": Der Pferdeknecht August Helmbrecht heiratet nach seiner Flucht aus der Fremdenlegion die Magd Erna. Seit ihrem Tode wartet er, der an "Ferngesichten", der Sehergabe, leidet, auf sein Sterben.

"Das Schulhaus": Für die Dorfbewohner hat Lehrer Eggerding "einen kleinen Splitter im Kopfe", in Wirklichkeit aber ist er "ein ganz bedeutender Flechtenkenner". Sein "dunkler Punkt" in der Vergangenheit: Er wurde - fälschlich - des Vergehens an einer Schülerin beschuldigt.

"Der Lütkensweershof": Nach der Totgeburt des ersten Kindes stellt sich heraus, dass Lütkensweer an einer Krankheit leidet. Die weiteren Kinder - zwei Jungen und ein Mädchen - sind nicht von ihm.

"Der Korlshof": Der Korlsbauer, ein ehemaliger Häusling, zieht eine lukrative Einheirat der Liebesheirat mit einer Magd vor. Für die familiären Rückschläge, die er erleidet, hat er nur eine Erklärung: "Das ist die Strafe". Nach seinem Tode wird seine Tochter von ihrem Onkel bevormundet und entrechtet. Ihr Bräutigam in spe Hinrich Lohmann zieht sich zurück.

"Der Ludjenhof": Konrad erhält den ihm zustehenden Hof von seiner Schwester erst nach dem Tode seines Schwagers. Der "Leichtfuß" wird danach zu einem ordentlichen Menschen.

"Die Mühle": Müller Kassen hat den Ekelnamen "Quassel". Was es damit auf sich hat, muss auch der Baron erfahren: seine Mühle geht in den Besitz Kassens über.

"Just Rust": Der Hof ist verwahrlost, denn sein Besitzer hat den "Prozessrappel".

"Doris": Ein unbedachtes Wort von Doris Amhorst trifft ihren Mann zutiefst und veranlasst ihn, sie mit seinem Jungen auf immer zu verlassen.

"Das Forsthaus": Hegemeister Oberheide genießt Erfolg und Ansehen. Trotzdem liegt "auf seiner Stirn eine Wolke". Er kann nicht vergessen, dass er am 29.6.1864 bei Alsen einen tapferen dänischen Hauptmann töten musste.

"Der rote Hinnerk": Der Arbeiter Hinrich Rothe steht allein da, "wie im Herbst auf der Wiese der rote Hinnerk". Er musste - unschuldig - fünf Jahre im Gefängnis verbringen. Das hat ihn in die Isolation getrieben.

"Schneidersjohann": Schneider Johann Timmann hat das Kains-Schicksal auf sich geladen, wenn auch aufs Höchste gereizt im Affekt. Die Stimme in seinem Innern lässt ihm keine Ruhe. "Dieser Stimme wegen blieb er ledig."

"Rosenwillem": Der Arbeiter Wilhelm Nottbohm genannt Rose betrinkt sich hin und wieder aus Kummer darüber, dass er wegen einer Fußverletzung nicht beim Militär bleiben konnte. Als ihm wegen wiederholter Vernachlässigung seines Dienstes als Nachtwächter gekündigt wird, legt er sich ins Bett und stirbt.

"Die Erbfeinde": Ererbter Hass, dessen Anlass keiner mehr kennt, entzweit die Familien Ohlenkohrs und Lüttkencohrs.

"Jakob": Arbeiter Jakob Benneweis wohnt zur Miete bei Witwe Nottbohm, "ein ganz wunderlicher Heiliger". Seinem Sohn hat er im Zorn die Tür gewiesen, daran hält er fest.

"Das Gemeindehaus": Zwei Menschen wohnen im "Armenhaus" des Dorfes: der ehemalige Holzhändler Friedrich Kollmann und die Witwe Hermine Beckmann. Jener ist durch Unglück fromm geworden, diese - jedenfalls für lange Zeit - "gottlos".

"Unkraut": Die Überschrift bezieht sich auf das Grundstück und die Bewohner des letzten Hauses, von dem nur noch ein Haufen Backsteine übrig geblieben ist.

"Der Rappenhof": Er liegt mehr als eine Stunde vom Dorf entfernt im Bruch. Wie seine Lage, so seine Bewohner. Sie halten sich vom Dorfe fern und sind in mancherlei Hinsicht anders als dessen Bewohner.

"Jan": Der Arbeiter Jan Ehlerßen ist "auf der Walze" hier hängen geblieben und dient als Knecht auf dem Dieshofe. In Ohlenhof findet der Gestrauchelte - er wurde zum Totschläger - wieder zu einem ordentlichen Leben.

 

Im Rückblick ergibt sich, dass das Buch aus kurzen Monografien der Dorfbewohner besteht. Sie zeigen, dass das Leben bei keiner der vorgestellten Personen "normal" verlaufen ist. Die einen haben "einen dunklen Punkt" in der Vergangenheit, der sie belastet; andere haben eine Eigenart, die sie zu Sonderlingen macht. Nur jemand, der mit der Mentalität der Heidjer vertraut ist, kann ein solches Buch schreiben. Löns ist bestrebt, ein realistisches Bild des Dorfes und seiner Bewohner zu zeichnen. Idealisierung jeder Art liegt ihm fern. Deshalb konnte und kann das Buch auch nicht für die Ideologie von "Blut und Boden" (Rasse und Scholle) reklamiert werden. In den bekannten Literaturlexika wird es - eigenartigerweise - nicht erwähnt. Die Verfasser müssen es wohl übersehen haben.

 

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