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Hermann Löns: Mümmelmann.
Ein Tierbuch
Von Dr. Widar Lehnemann, Lünen
Der Hase "Mümmelmann" ist die bekannteste
der Tierfiguren, die Hermann Löns schuf. Er steht im Mittelpunkt
einer Erzählung, deren Überschrift aus seinem Namen besteht und
einem Buch den Titel gibt: "Mümmelmann. Ein Tierbuch"
(erschienen 1909 im Adolf Sponholtz Verlag Hannover). Den
Erzählungen ist das Gedicht "Höret" vorangestellt, das der
Verfasser dem Leser als Motto für den Umgang mit der Natur ans
Herz legt:
Lass deine Augen offen sein,
Geschlossen deinen Mund
Und wandle still, so werden dir
Geheime Dinge kund
(2. Strophe).
Auch durch die Erzählungen über Mümmelmann
und die anderen Tiere der heimischen Fauna werden dem Leser
"geheime Dinge" kund.
Was hat es mit der Titelfigur auf sich?
Mümmelmann ist ein alter Hase, der in der Heide lebt. Auf einer
Treibjagd in der Feldmark von Knubbendorf bringt er einen Jäger
durch die Kunst des Hakenschlagens völlig aus dem Konzept, so
dass er statt des Hasen seinen Nachbarn in der Schützenkette
trifft. Nach diesem Jagdunfall ziehen die Jäger ab. Um
Mitternacht kommen die Hasen, soweit sie den Jägern entkommen
konnten, zusammen, um Mümmelmann, den "Heldenhasen", zu ehren.
In der Erzählung "Hasendämmerung" entwickelt er in seiner
Todesstunde die Vision eines künftigen Friedensreiches.
Die in dem Buch versammelten Texte wurden
zuvor in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. So erschien
die Titelgeschichte am 5. Dezember 1902 in der 'Hannoverschen
Allgemeinen Zeitung' unter der Überschrift "Mümmelmanns Rache".
Trotzdem haftet dem Buch nichts Zufälliges an. Es bildet auf
Grund seiner Thematik und Erzählweise eine Einheit. Und noch
etwas ist zu betonen. Diese Tiergeschichten sind ohne Vorbild in
der deutschen Literatur. Löns hat als Erster Tiere in ihrem
Lebensraum - modern gesprochen: in ihrem Biotop - realistisch
dargestellt. Mit dem Hasen werden also zugleich seine "Freunde"
und "Feinde" vermittelt. Der Lebensraum wird nach
Bodenbeschaffenheit und Bewuchs authentisch beschrieben. In
dieser Welt gilt Darwins Gesetz vom "Kampf ums Dasein". Es wird
jedoch nicht doktrinär vertreten, schließlich greift ja auch der
Mensch in das Leben der Tiere ein, zumal als Jäger.
Löns verfügt über wichtige Voraussetzungen
eines Tiererzählers. Als Journalist gehörte er der schreibenden
Zunft an und war als solcher besonders mit den "kleinen" Formen
vertraut. Als Zoologe vom Fach verfügte er über die notwendigen
wissenschaftlichen Kenntnisse, und als Jäger befand er sich in
der Rolle dessen, der das Tier beobachtet. Hierbei ist
anzumerken, dass Löns sich stets auch als Heger verstand. Er
gehört bekanntlich zu den Wegbereitern des Natur- und
Landschaftsschutzes. Auf Grund der Tatsache, dass seine
Tiererzählungen auf genauer Tierbeobachtung beruhen, hat man
Löns sogar einen Vorläufer der modernen Verhaltensforschung
genannt.
In den Erzählungen aus "Mümmelmann" haben
die Tiere Namen. Namensgebung ist ein Akt der
Individualisierung, also der Vermenschlichung. Das Tier wird bei
Löns aber nicht zu einem gefieder- oder felltragenden Menschen.
Das liegt daran, dass die Tierfiguren stets Vertreter ihrer
Gattung sind und ihre Lebensäußerungen im Dienste der
Selbsterhaltung (Sicherheit, Ernährung) und der Arterhaltung
(Vermehrung) stehen. Der "philosophierende" Hase Mümmelmann (in
"Hasendämmerung") ist eine Ausnahme. Ihm leiht der Verfasser die
Gedanken über die Utopie eines künftigen Reiches der
Friedfertigen.
Mümmelmann ist das klassische Tierbuch in
deutscher Sprache. Jahrzehnte hindurch gehörte es zum
Lektürekanon. Vielen Menschen hat es die Natur nahe gebracht und
in ihnen die Liebe zur heimischen Umwelt geweckt. Sollte
es nicht auch der heutigen Zeit noch etwas zu sagen haben?

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