Verband der Hermann-Löns-Kreise in Deutschland und Österreich e.V.  (Löns-Verband)

 

 

 

 

Hermann Löns: Mein grünes Buch. Jagdschilderungen

Von Dr. Widar Lehnemann, Lünen

 

Wer der Meinung ist, dass Jäger mit einer Flinte bewaffnet durch die Natur laufen, um Tiere totzuschießen, der sollte doch einmal "Mein grünes Buch. Jagdschilderungen" von Hermann Löns lesen. Die Jagdschilderungen dieses Bandes, der 1901 erschien, werden ihn eines Besseren belehren. Der Ich-Erzähler lässt den Leser an den Erlebnissen teilhaben, die ihm im Laufe des Jahres zuteil geworden sind. Das Buch ist nämlich keineswegs nur für Jäger bestimmt, wenn es auch von einem Jäger geschrieben wurde. Worin ist seine Bedeutung zu sehen?

 

Es bringt zum Ausdruck, was einen Jäger bewegt und was er erlebt, wenn er in seinem Revier ist. Der Leser erfährt, was die Jagd sein kann, was sie Hermann Löns bedeutete: "Das ist doch das Schönste an der Jagd, dieses wunschlose Stilliegen. Der Bock, wenn ich ganz ehrlich sein will, ist nur ein Vorwand für das heimliche Gehen, für das lautlose Pürschen, durch das mir alle Waldgeheimnisse kund werden" ("Ein roter Bock"). Eine andere Äußerung ergänzt dieses Bekenntnis: "Wer die Schrift zu deuten weiß in dem großen Buche der Natur, der langweilt sich nie" ("In der Krähenhütte"). So spricht ein Jäger, der die Einzeljagd anderen Formen des Jagens vorzieht, der die Natur erkunden will, um zu sich selbst zu finden.

 

Das ist eine Seite der Jagd, die kontemplative, eine andere ist in dem zu sehen, was man ihre gesundheitsfördernde Wirkung nennen kann. Löns schreibt dazu in seiner ureigenen Art: "In der Stadt habe ich alle nasenlang einen Schnupfen, Migräne wie eine Lehrerin und Nerven wie eine Modedame. Hier merke ich nichts davon, obgleich ich nachts mit feuchten Füßen im Graben saß, stundenlang bei schneidendem Nordost mäuschenstill am Moorrande stand, halbe Tage im Wasser herumpatschte, und in der zugigen Bude auf dem Strohsack schlief, nur mit dem Mantel bedeckt" ("In der Jagdbude"). Der Leser, der diese Aussage auf sich wirken lässt, mag sich überlegen, ob er die konzessive Konjunktion "obgleich" nicht durch die kausale Konjunktion "weil" ersetzen sollte.

 

Löns macht in diesem Zusammenhang noch eine höchst aufschlussreiche Bemerkung, wenn er sagt: "Ich bin überzeugt, ich stamme von irgend einem altniedersächsischen Jäger oder Fischer ab". Auf der Suche nach seinen Wurzeln würde sich wohl jeder Leser letztlich eine ähnliche Aussage zu eigen machen können. In jedem steckt vermutlich ein Rest aus jener Periode, da der Mensch sein Dasein als Jäger fristen musste. Das mag ein Grund dafür sein, dass es in der Welt der Literatur viele bedeutende Jagderzählungen gibt und dass diese gern gelesen werden.

 

"Mein grünes Buch" besteht aus 24 Jagdschilderungen. Der Ablauf einer Pirsch erweist sich als das Strukturprinzip, das die Einzelheiten jeweils zu einem Gesamtbild verbindet. Die Überschriften deuten an, dass die Schilderungen in der Jagd ihre thematische Mitte haben ("Hinter der Findermeute", "Auf der Murke", "In der Krähenhütte", "Ein Ringeltauber", "Haidfrühling", "Am Fuchsbau", "Im grünen Maienwald" ...). Diese Schilderungen zeigen auch, welche Bedeutung die Erfahrungen des Jägers für den Tiererzähler Löns hatten. Auf der Pirsch lernte er, die Tiere zu beobachten und in ihren Lebensäußerungen zu erfassen. Hier sammelte er die Eindrücke, die er später zu Tierportraits zusammenfügte. Dem Leser wird bei der Lektüre auch bewusst, dass Löns der Lüneburger Heide schon in diesem wichtigen Frühwerk einen hohen Stellenwert einräumte. Er hat sie zu allen Jahreszeiten erlebt und ihre jeweilige Schönheit beschrieben ("Ein goldener Haidherbsttag").

 

Die für Löns typischen Stilmittel sind bereits in diesen Jagdschilderungen ausgeprägt: Verwendung auch "gesprochener" Sprache, Gebrauch jägersprachlicher Ausdrücke, Einsatz von Lautmalerei und rhetorischen Mitteln (Vergleich, Metapher, Personifizierung u.a.m.). Gewiss hat sich in der Ausübung der Jagd und bei ihren gesetzlichen Grundlagen in den vergangenen hundert Jahren vieles geändert. Dennoch hat "Mein grünes Buch" nichts von seinem Zauber eingebüßt. Nach wie vor ist es ein Klassiker der Jagdliteratur. Als ergänzende Lektüre sei "Kraut und Lot. Ein Buch für Jäger und Heger" empfohlen, das Löns im Jahre 1911 publizierte.

 

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