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Von Ost nach West. Selbstbiographie von Hermann Löns
Während eines schweren Vormorgengewitters
kam ich als erstes Kind meiner Eltern, des Gymnasialoberlehrers
Friedrich Löns und seiner Frau Klara, einer geborenen Kramer aus
Paderborn, zu Kulm an der Weichsel zur Welt.
Während im allgemeinen die Geburt eines
Kindes für die Eltern eine Erhöhung der Ausgaben bedeutet,
entsprang aus meiner Ankunft meinen Eltern sofort ein Nutzen.
Das Haus, in dem sie wohnten, war verschrien; es hieß, es käme
in ihm kein Kind zur Welt. Sobald ich nun die Wände beschrie,
erschien der Hausbesitzer, ein Pole, mit einem großen
Blumenstrauß bei meinem Vater, wünschte ihm Glück und teilte ihm
mit, daß er ihm für ein Jahr die Miete erlasse, weil der üble
Ruf von dem Hause genommen sei.
Nach ungefähr Jahresfrist wurde mein Vater
nach Deutsch-Krone, einem reizend zwischen zwei großen Seen
gelegenen Städtchen Westpreußens, versetzt. Meine erste
Erinnerung ist die, daß ich in einem blauen Kittel auf einem
gepflasterten Hofe saß und die grün und rot gefärbten kleinen
Blattkäfer, die auf dem zwischen den Steinen wuchernden
Vogelknöterich umherkrochen, in eine Pillenschachtel sammelte.
Bis zu meinem achtzehnten Jahre lebte ich
dort und ich weiß heute noch nicht, ob ich diese Zeit eine
glückliche nennen soll. Trotz der schönen Umgebung, trotz der
wilden Fahrten im Wald und auf der Heide, trotz Jagens und
Fischens und Sammelns saß in mir dieselbe Unzufriedenheit, die
sich bei meinem Vater, der ebenso wie meine Mutter Westfale war,
recht oft und recht derb Luft machte. Ich fühlte, daß ich dort
nicht zu Hause war, und so hatte ich wohl Gespielen, aber keinen
Freund. So manchen Verweis erhielt ich von meinen Lehrern, weil
ich mich zuviel allein hielt. Dieser Hang zur Einsamkeit wurde
durch meine Vorliebe zur Naturwissenschaft immer mehr verstärkt.
Schon als ganz winziges Kind war mein größtes Vergnügen, den
Fliegen am Fenster zuzusehen, und mit fünf Jahren lockte mich
eine tote Maus mehr als ein Stück Kuchen. Rebaus Naturgeschichte
wurde so lange gelesen, bis nichts mehr davon übrig war, und
ohne irgendwelche Anleitung zu haben, sammelte und bestimmte
ich, so gut es ging, Steine, Pflanzen und Tiere. Mit zwölf
Jahren durchstreifte ich meist ganz allein, meilenweit die
Heiden, Moore und Wälder, wobei ich allerlei seltsame Abenteuer
erlebte.
So geriet ich einmal, als ich mich in
einer einsamen Kiefernheide beim Fang des bunten Dünenmaikäfers
verspätete, mitten in ein Treiben, das ein Dutzend Wilddiebe mit
geschwärzten Gesichtern abhielten. Ein anderes Mal stellten mich
drei junge, fette Zigeunerweiber, deren ich mich nur durch
Fußtritte und Faustschläge erwehren konnte. Wieder einmal
platzte ich mitten in eine Amtskommission hinein, die bei der
Leiche eines von Holzdieben ermordeten Försters den Tatbestand
aufnahm. Beim Besuch einer Seeschwalbensiedlung, die sich auf
einer Insel im Klotzowmoore befand, ertrank ich beinahe. Acht
Tage nachher biß mich eine Kreuzotter. Wieder einmal, als ich am
Fuße einer dicken Eiche vor Übermüdung eingeschlafen war,
erwachte ich von Stimmen; zwei Waldarbeiter und der Förster
standen da und besahen einen alten Trinker, der sich, während
ich dort schlief, an der anderen Seite des Baumes erhängt hatte,
ein Erlebnis, das mich übrigens ganz kalt ließ.
Teils durch meinen Vater, teils durch das
Leben auf Gütern und Förstereien, auf denen ich meist die Ferien
verbrachte, wurde ich Fischer und Jäger, doch war mir schon
damals ein unbekannter Fisch, ein seltener Vogel, eine
regelwidrig gefärbte Eichkatze von größerem Werte denn ein gutes
Gehörn oder ein ganzer Galgen voller Hühner. Der Begriff des
sportlichen Rekordes ging mir nie ein. Mein erster Rehbock
erregte mich lange nicht so wie der erste Seidenschwanz, den ich
im Sprenkel fing, und als ich einen achtzehnpfündigen Hecht
schottete, war ich längst nicht so stolz als an dem Tage, da ich
in der Küddow die erste Groppe, ein spannenlanges Fischchen,
kätscherte. Ich schoß auf meinen ersten Hirsch wie nach der
Scheibe, aber als ich in den Sagemühler Fichten die
Schwarzdrossel als Brutvogel fand, flog mir das Herz.
Schon damals war ich der Heide
angeschworen. Ich konnte vor Freude über die Pracht des
maigrünen Buchenwaldes nasse Augen bekommen, aber die Heiden,
Kiefernwälder, Moore und Brüche lockten mich noch mehr. Ähnlich
ging es mir mit den Menschen; auch bei ihnen lockte mich das
Ursprüngliche. Ich war der Freund der Hütejungen,
Fischerknechte, Waldarbeiter; meine sehr zivilisierten
Mitschüler, die mit sechzehn Jahren Zigaretten rauchten und
Fensterpromenaden machten, langweilten mich. Einer meiner Lehrer
sagte mir einmal: „Gewöhnen Sie sich die Tendenz nach unten ab!“
Es ist mir nicht gelungen. Mein Interesse, oder mein Herz, ist
bei dem breiten Unterbau meines Volkes geblieben, auf dem das
Leben der Nation schließlich beruht, bei den Bauern, Handwerkern
und Arbeitern. Mir schmeckt es stets besser, wenn ich am
gescheuerten Tisch über den Daumen frühstücke, als wenn ich mich
in Frack und Lack zwischen weißen Schultern durch zehn Gänge
durchesse und Konversation machen muß.
Oft genug hat die sogenannte Gesellschaft
darüber die Nase gerümpft, daß ich mich in anderer als der
vorschriftsmäßigen Weise dem sogenannten Volke näherte, oder man
sagte mir, wie um mich zu entschuldigen: „Sie machen dann wohl
Studien?“ Ach nein, so ist das nicht! Ein Schriftsteller, der
bewußt sein Volk studiert, wird es nicht weiterbringen als ein
Emile Zola, nämlich zu lose verbundenen Einzelheiten. Leben muß
man darin, ganz darin aufgehen, sich als eins mit seinem Volke
fühlen, um etwas so Großes zu schaffen, wie es Jeremias Gotthelf
glückte. Ob mir das je gelingen wird, weiß ich nicht, aber ich
weiß, daß das starke Interesse, das ich von jeher der breiten
Masse des Volkes entgegenbrachte, ein unbewußtes Studium war,
und daß es ein Glück für mich war, in einer kleinen
Ackerbürgerstadt aufgewachsen zu sein, in der bei allem
Kastengeiste die verschiedenen Volksklassen fortwährend
miteinander in innige Berührung traten.
In der Großstadt flirren die Menschen an
einem vorbei wie die Landschaft am Fenster der Eisenbahn; in der
Kleinstadt sieht man seine Nebenmenschen so genau wie die
Landschaft bei einer Flußwanderung. Alle behielt ich sie im
Gedächtnisse, die Leute der kleinen Stadt, vom vornehmen
Gerichtsrat bis zum trunkfälligen Arbeiter, der jeden
Sonnabendabend in der Gosse lag, von der strahlenden
Stadtschönheit bis zu der schmierigen Armenhäuslerin, die Haus
bei Haus betteln ging. Ein volles Bild der ganzen Landschaft
mitsamt der Stadt und ihren Menschen habe ich in mir: jetzt, wo
ich vierundzwanzig Jahre von dort fort bin. Als Knabe habe ich
es gelernt, eine Stadt als ein Erzeugnis der landschaftlichen
und wirtschaftlichen Verhältnisse aufzufassen, ein lebendiges
Wesen in ihr zu sehen, an dem jedes Organ seinen Wert hat und
bei dem sogar die Schmarotzerexistenzen von Belang sind.
Ich habe später oft genug beklagt, daß ich
nicht in einer größeren Stadt aufwuchs, die mich mehr
Weltklugheit gelehrt hätte, in der ich mein Zeichentalent besser
hätte ausbilden können, in der ich die Möglichkeit hatte, mir
mehr naturwissenschaftliche Literatur zu beschaffen. Heute weiß
ich, daß ich es nicht besser treffen konnte. Ich bildete nicht
alle meine Fähigkeiten aus und wurde dadurch nicht flach; ich
trat, ohne befangen zu sein durch Bücherstudium, vor die Natur,
und lernte sie so besser kennen, als wenn ich vor der Zeit mich
mit Einzelheiten beschwert hätte; und daß ich nicht ein kalter,
weltkluger Mensch geworden bin, das hat mir oft geschadet, aber
im Grunde bin ich froh darüber. Ich hätte vielleicht mehr
erreicht, aber ich glaube nicht, daß ich dadurch zufriedener
geworden wäre.
Als ich achtzehn Jahre war, wurde der
Wunsch meines Vaters, wieder zurück in die Heimat zu kommen,
endlich erfüllt; er wurde nach Münster versetzt. Unterwegs
blieben wir eine Woche in Berlin. Ich weiß von Berlin nicht mehr
als das, was ich im Zoologischen Garten, im Aquarium und im
Zoologischen Museum sah, höchstens noch, daß ich mich im Café
Bauer über die Maßen langweilte, daß mir die Sicherheit, mit der
ein fünfjähriges hübsches Mädchen allein in den Stadtbahnzug
hineinsprang, sehr bewundernswert vorkam, und daß ich eine
hohläugige, jammervoll aussehende Frau, der ich aus Mitleid
Streichhölzer abkaufte, für immer im Gedächtnisse behalten
werde. Viel wichtiger erschien mir aber damals, als ich jenseits
der Elbe die ersten Rabenkrähen sah, daß ich bei Paderborn auf
richtigen Felsen stand und wirkliche, lebendige Salamander fing.
Dort, in der Heimatstadt meiner Mutter,
entdeckte ich auch meinen Sinn für Geschichte. Schon in
Deutsch-Krone hatte ich neben naturwissenschaftlichen und
geographischen Büchern und Reisewerken fast die ganze große
geschichtliche Bibliothek meines Vaters durchgelesen und mich
vorzüglich auf alles Kulturgeschichtliche gestürzt; in Paderborn
trat mir die Vergangenheit aber handgreiflich entgegen. Und zwar
war es weniger die Stadt selber mit ihren alten Bauwerken, als
die Stimmung, die über meinem großelterlichen Hause lag. Die
Grube hieß die Straße; der Name allein schon hatte altersgrauen
Klang. Eine hohe Mauer, von einem Gartenhäuschen geziert,
sperrte das Grundstück ab. Ein seltsam alter Garten mit
herrlichen Blumen und köstlichem Obst wirkte wie ein Bild aus
früherer Zeit, und märchenhaft mutete mich das hohe, ganz von
weißen, roten und gelben Kletterrosen berankte Haus an.
Trat man ein, so schlug einem ein herber
Geruch von Erinnerungen entgegen. Alte Waffen, Geweihe, Bilder
und Schnitzereien im Treppenhause, und auf Schritt und Tritt vom
Wohnzimmer bis zur Bodenkammer, fanden sich Andenken an alte
Tage. An der Wand hingen die beiden Feuerschloßpistolen, die ein
Ururonkel, der in österreichischen Diensten gegen die Türken
gefochten hatte, führte; als Graf Kramer von Kronenberg war er
geadelt. In einem Empireschranke lagen seine Briefe. Daneben
standen die Jahrgänge der Gunloda und Arminia, die mein
Urgroßvater, Oberlandesgerichtsrat Moritz Bachmann, ein guter
Freund Freiligraths, herausgegeben hatte, und mit heißen Backen
las ich die zum Teil recht kecken Gedichte des Mannes, dessen
strenges, bartloses, tieffaltiges Bauerngesicht von der Wand
herabsah. Er hatte die unheimliche Gabe des zweiten Gesichtes,
trotzdem er ein Weltmann und ein Rationalist war, und ein Stück
davon, wenn auch sehr wenig ausgeprägt, vererbte er mir. Ich bin
ihm deswegen nicht böse.
Bisher hatte ich mich ganz als Einzelwesen
gefühlt; nun empfand ich Stammesbewußtsein. Stärker wurde es,
als ich nach Münster kam. Erst war ich kreuzunglücklich. Meine
Schulkenntnisse reichten, besonders im Griechischen, nicht aus.
Ich hatte in Deutsch-Krone ausgezeichnete Lehrer gehabt, die mir
Fleisch und Blut des Griechentums gegeben hatten; in Münster
aber wurde genaueste Kenntnis der Knochen verlangt, und man
brachte es fertig, mir mit den unregelmäßigen Verben alles, was
Griechisch war, gründlich zu verekeln. Körperlich ging es mir
auch schlecht; ich vermißte den heilsamen Ostwind und klappte in
dem Treibhausklima zusammen. Die niedliche Wallheckenlandschaft
mißfiel mir trotz ihrer mir fast ganz fremden Tier- und
Pflanzenwelt völlig, und das Volk erst recht. Es dauerte aber
nicht lange, und der Anpassungskater war überwunden. Ich sah
bald ein, um wie viel gebildeter im besten Sinne meine
Mitschüler waren, wenn sie auch lange nicht so zivilisiert waren
wie die Gymnasiasten im Osten; bald hatte ich Freunde, wirkliche
Freunde, und es waren kaum zwei Jahre vergangen, da war ich
bewußt das, was ich unbewußt immer gewesen war, Niedersachse.
Ein Heißhunger nach tieferer Bildung kam
über mich. Zum ersten Male in meinem Leben arbeitete ich zäh und
zielbewußt für die Schule und sogar die Mathematik, die ich
bisher gehaßt hatte, lernte ich beinahe gern haben. Heute ist es
mir unfaßbar, wie ich neben den Vorbereitungen zur
Abgangsprüfung eine solche Unmenge von westfälischer Geschichte,
neuer Literatur und Zoologie habe bewältigen können. Denn in
Münster lernte ich, was es heißt, systematisch Naturwissenschaft
treiben. Mit einigen Freunden arbeitete ich schwierige
Käfergruppen durch, vertiefte mich in das Studium von Schnecken,
Muscheln und Holzläusen, erweiterte meine botanischen Kenntnisse
und konnte, als ich eben das Gymnasium verlassen hatte, einige
kleine Arbeiten in zoologischen Fachblättern herausgeben, die
heute noch in gewisser Weise ihren Wert haben.
Ich studierte nun Naturwissenschaften,
mußte aber auch Medizin studieren. Diese gefiel mir gar nicht,
und die Zoologie, die damals fast ganz in der Mikroskopie
aufging, erst recht nicht. Außerdem drängte es mich zur
Literatur. In wenigen Jahren verschlang ich alles, was ich an
deutscher und fremder Literatur in die Finger bekam. Die
Revolution in der Literatur war hereingebrochen; Bleibtreu, die
Harts, M. G. Conrad fochten in der ersten Reihe, Zola war
Feldgeschrei. Zu meinem Entsetzen sah ich ein, daß ich ein ganz
altmodischer Mensch war, der romantische Balladen schrieb, Zola
langweilig fand und wider Willen höchst bösartige Epigramme
gegen Lew Tolstoi schreiben mußte. Der ganze hochgepriesene
naturalistische Quark war mir in der Seele zuwider; mein Herz
war bei Annette von Droste-Hülshoff und nachher bei Liliencron.
Nietzsche war mir nur interessant, da er so hübsch dunkel über
die hellsten Sachen schrieb.
Im Grunde war es eine schlimme Zeit. Ich
war mit mir nicht zufrieden und andere erst recht nicht. Arzt
mochte ich nicht werden, und die zoologische Laufbahn sah damals
kläglich aus. So sprang ich mit beiden Beinen in das
Zeitungsfach. Erst war ich in der Pfalz im Feuilleton, dann
reiste ich für einige größere Zeitungen als
Stimmungsberichterstatter. Dabei lernte ich äußerlich allerlei,
denn heute schrieb ich über eine Fürstenzusammenkunft, morgen
über Streikunruhen und übermorgen über die Cholera in Hamburg.
Schließlich blieb ich in Hannover hängen. Ich begnügte mich
damit, ein annehmbarer Schilderer, lustiger Plauderer und
gewandter Redakteur zu sein; daß ich je ein guter Schriftsteller
werden würde, glaubte ich nicht mehr, und, wenn ich das Heftchen
sah, in das ich als Bursche meine Verse geschrieben hatte,
überkam mich ein aus Spott und Wehmut gemischtes Gefühl.
Jahrelang kam ich kaum zu mir selbst. Ich führte ein ganz
äußerliches Leben, das sich in der Hauptsache zwischen der
Zeitung und der Jagd abspielte.
Schließlich war wohl die Jagd meine
Rettung. Suche und Treibjagd langweilten mich; die heimliche
Pürsch in Heide, Moor und Wald brachte mich wenigstens einige
Stunden zum Nachdenken. Ich sah, während ich an Bock und Fuchs
dachte, die Natur in ihren großen Umrissen; ich lernte, daß mir
das Landvolk mehr bot als das der großen Stadt. Ganz urplötzlich
entstand mitten zwischen den journalistischen Arbeiten ein
Gedicht, das sich sehen lassen konnte, eine Skizze, die Form
besaß; ein paar tüchtige Männer, hier ein Volksschullehrer, da
ein Maler, die mir Freunde wurden, boten mir mehr als die
flachen Salonbekanntschaften, aber die beste Lehrerin war mir
doch die Heide. Ich durchstreifte sie, die Büchse über das Kreuz
geschlagen, nach allen Richtungen, wohnte wochenlang in der
Jagdbude, lebte monatelang unter Bauern, und dann, wenn ich
wieder im Stadttrubel war, formte sich das, was mir der Wind,
der über die Heide ging, erzählt hatte, zu fester Gestalt.
So entstand, ganz ohne mein bewußtes
Wollen, fast alles, was „Mein braunes Buch“ enthält. Dann wieder
stieß mich ein inneres Erlebnis zum Verse hin. Ich begann mich
als Dichter zu fühlen. In drei Wochen schrieb ich „Mein goldenes
Buch“ hin. Damals gefiel es mir, denn es bedeutete eine Rettung
für mich; heute weiß ich, daß vielleicht ein Drittel der
Gedichte von Wert sind: die anderen nicht. Aber die Hauptsache
war: ich fing an, an mich zu glauben. Und so suchte ich die
besten Jagdschilderungen heraus und stellte sie als „Mein grünes
Buch“ zusammen. Es gefiel. Ich bekam Mut, kramte meine Mappe
durch, und „Mein braunes Buch“ entstand. Es wurde mehr gekauft,
als es verdient, denn es enthält sehr ungleichwertige Stücke.
Schließlich fand ich, daß ich Tiergeschichten genug für ein
Bändchen habe; so kam „Mümmelmann“ heraus und hinterher „Was da
kreucht und fleucht“. Ab und zu gelang mir auch eine Ballade.
Wie sie entstanden, das weiß niemand weniger als ich. Irgendeine
eigenartig beleuchtete Landschaft, die ich, wer weiß vor wieviel
Jahren, sah, ohne bewußt darauf zu achten, tritt vor mich, und
in ihr der schattenhafte Umriß eines Menschen. Plötzlich ist die
erste Strophe mit dem einzig dafür möglichen Versmaße da. Damit
bin ich dann lange behaftet. Mit einem Male muß ich schreiben.
Es ist, als wenn ich nur zuzugreifen brauche; alles geschieht
ohne mein Wollen. Hinterher wundere ich mich, woher ich das
wußte, wie ich das konnte. Alles, was an meinen Dichtungen, sei
es Vers, sei es Prosa, gut ist, steht außerhalb meines äußeren
Wollens. Ich habe einst Balladenstoffe gesammelt; sie sind in
ihrer Mappe verstaubt, ohne daß nur aus einem etwas wurde. Dann
aber belästigte mich mit einem Male eine Vorstellung, quälte
mich irgendein geschichtliches Ereignis, über das ich vor Jahren
flüchtig hingelesen hatte, zwang mir den Bleistift in die Hand,
und da stand sie, die Ballade, lachte mich an und sagte: „Na,
was sagst Du nun?“ Auf diese Art ist „Mein blaues Buch“
entstanden, das ich jetzt herausgeben soll. Eigentlich will ich
nicht, aber ich habe es meinem Verleger versprochen. Alle
Verantwortlichkeit fällt auf ihn.
Genau so ist mein erster Roman entstanden.
Ich war die Großstadt leid. Man bot mir die Redaktion in
Bückeburg an; ich nahm sie. Ich hatte bei all den schönen
Versprechungen, die man mir machte, nicht geahnt, daß hier außer
Setzen und Zeitungsaustragen der Redakteur beinahe alle andere
Arbeit zu tun hat, die es bei einer Zeitung gibt. Arbeit, die
nie abriß und aus lauter törichten Nichtigkeiten bestand, dazu
gar kein geistiges Leben, kaum ein Mensch, der mir innerlich
etwas bot, und eine Landschaft, die zuerst ganz nett aussah,
mich aber bald recht langweilte.
Ich bekam Sandhunger, Heidhunger,
Heißhunger nach meinen Heidbauern. Mitten in einem Übermaß von
Arbeit und Ärger stand der Hansbur vor mir, stieß mich, der ich
vor Überarbeitung und Erkältung kaum stehen konnte, an den
Schreibtisch, und kalt und ruhig, als schrieb‘ ich an einer
trockenen zoologischen Arbeit, schrieb ich zwischen Leitartikeln
über die Finanzreform und Berichten über Hoffestlichkeiten das
Leben eines Heidbauern hin, der in einer Zeit lebte, die ich nur
aus dem Munde ganz alter Leute kenne und aus den Sprüchen und
Schnörkeln, die auf den alten Schoppen und Tellern stehen, die
ich auf meinen Pürschgängen in der Heide geschenkt bekam. Ohne
es zu wollen, fand ich für den Stoff auch den Stil. Die einzig
wirklich frohe Minute, die ich hier im Lande erlebte, war, als
Lulu von Strauß und Torney mir sagte: „Was mir an dem Roman
nicht gefällt, ist, daß ich ihn nicht schrieb.“ Die
Lehmlandschaft und die unglückliche Stellung waren vielleicht
nötig, daß ich dazu kam, zu glauben, daß ich etwas kann. Als vor
kurzem zwei Schriftsteller über mich große Aufsätze schrieben,
schämte ich mich, denn allzusehr erschienen sie mir als Lob auf
Vorschuß. Meine große Angst, eher sterben zu müssen, ehe ich
etwas wirklich Wertvolles geleistet habe, ist jetzt zum Teil
verschwunden, denn ich glaube, daß „Der letzte Hansbur“ Bestand
haben wird. Ich darf das getrost sagen, denn mir ist, als hätte
ich nur niedergeschrieben, was mir jemand über die Schulter
diktierte, denn es erscheint mir eigentlich unmöglich, daß ich,
der ich täglich mindestens acht Stunden an der Zeitung arbeiten
mußte, in zwölf Tagen, freilich mit den halben Nächten, den
Roman schrieb, und einige Wochen nachher, bei ebensoviel Arbeit
und doppelt soviel Ärger und dreifachsoviel Sorgen, weil mir
inzwischen wegen allzu großen Mangels an subalterner Gesinnung
die Stellung gekündigt war, in vierzehn Tagen einen zweiten
Bauernroman, „Da hinten in der Heide“, ebenso äußerlich kalt und
ruhig hinschrieb wie den ersten.
Jetzt, wo mir beide Bücher in der
Maschinenabschrift und im Korrekturabzuge als etwas Fremdes
vorkommen und ich imstande bin, sie kritisch zu betrachten,
entdecke ich, daß es Tendenzromane sind: in jedem wehrt sich ein
Mann gegen sein Geschick, in dem einen gegen seine böse
Veranlagung, in dem anderen gegen selbstverschuldetes Unglück.
Und als ich neugierig den Kasten aufschlug, in dem ich Zettel
mit dreißig bis vierzig Romanentwürfen aufhebe, finde ich, daß
in allen, hier deutlich, da verloschen, die Absicht zu Tage
tritt, der weichlichen Folgerungen, die so viele modische
Schriftsteller aus der Vererbungstheorie ziehen, indem sie ihre
Helden zu willenlosen Werkzeugen von Veranlagung und Schicksal
machen, das Gegenteil entgegenzusetzen, nämlich Menschen zu
zeichnen, die mit sich selber und dem, was man Schicksal nennt,
den Kampf aufnehmen.
Wie ich dazu komme, ich weiß es nicht. Der
Lehm mag wohl daran schuld gewesen sein, daß ich Sandlandleute
schreiben mußte, und die geduckten Nacken, daß es mich danach
hungerte, wirkliche Männer hinzustellen. Anders kann ich es mir nicht erklären.
Hermann Löns
Die „Selbstbiographie“ erschien 1909 im
literarischen Monatsblatt „Eckart“ auf Bitten des „Verlages der
Schriftenvertriebsanstalt“. Hermann Löns kam dieser Bitte mit
folgendem Brief nach: „Schönsten Dank für die ehrenvolle
Aufforderung, Ihnen eine Selbstbiographie zu liefern. Vor einem
halben Jahre hätte ich das noch ablehnen müssen, da das, was ich
bis dahin schrieb, alles Kleinkram in meinen Augen war.
Inzwischen habe ich einen Bauernroman geschrieben, von dem Lulu
von Strauß-Torney sagte: ‚Er ist vollendet,‘ und der mir selber
sogar gefällt, und einen anderen, der auch wohl recht gut ist;
komme außerdem noch mit einem Balladenband heraus und habe mich
zu einer bestimmten Weltanschauung hingefunden.“
(Entnommen: „Von Ost nach West,
Selbstbiographie“ von Hermann Löns, Verlag der
Schriftenvertriebsanstalt, Berlin, 1921)

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