Verband der Hermann-Löns-Kreise in Deutschland und Österreich e.V.  (Löns-Verband)

 

 

 

 

Von Ost nach West. Selbstbiographie von Hermann Löns

 

Während eines schweren Vormorgengewitters kam ich als erstes Kind meiner Eltern, des Gymnasialoberlehrers Friedrich Löns und seiner Frau Klara, einer geborenen Kramer aus Paderborn, zu Kulm an der Weichsel zur Welt.

 

Während im allgemeinen die Geburt eines Kindes für die Eltern eine Erhöhung der Ausgaben bedeutet, entsprang aus meiner Ankunft meinen Eltern sofort ein Nutzen. Das Haus, in dem sie wohnten, war verschrien; es hieß, es käme in ihm kein Kind zur Welt. Sobald ich nun die Wände beschrie, erschien der Hausbesitzer, ein Pole, mit einem großen Blumenstrauß bei meinem Vater, wünschte ihm Glück und teilte ihm mit, daß er ihm für ein Jahr die Miete erlasse, weil der üble Ruf von dem Hause genommen sei.

 

Nach ungefähr Jahresfrist wurde mein Vater nach Deutsch-Krone, einem reizend zwischen zwei großen Seen gelegenen Städtchen Westpreußens, versetzt. Meine erste Erinnerung ist die, daß ich in einem blauen Kittel auf einem gepflasterten Hofe saß und die grün und rot gefärbten kleinen Blattkäfer, die auf dem zwischen den Steinen wuchernden Vogelknöterich umherkrochen, in eine Pillenschachtel sammelte.

 

Bis zu meinem achtzehnten Jahre lebte ich dort und ich weiß heute noch nicht, ob ich diese Zeit eine glückliche nennen soll. Trotz der schönen Umgebung, trotz der wilden Fahrten im Wald und auf der Heide, trotz Jagens und Fischens und Sammelns saß in mir dieselbe Unzufriedenheit, die sich bei meinem Vater, der ebenso wie meine Mutter Westfale war, recht oft und recht derb Luft machte. Ich fühlte, daß ich dort nicht zu Hause war, und so hatte ich wohl Gespielen, aber keinen Freund. So manchen Verweis erhielt ich von meinen Lehrern, weil ich mich zuviel allein hielt. Dieser Hang zur Einsamkeit wurde durch meine Vorliebe zur Naturwissenschaft immer mehr verstärkt. Schon als ganz winziges Kind war mein größtes Vergnügen, den Fliegen am Fenster zuzusehen, und mit fünf Jahren lockte mich eine tote Maus mehr als ein Stück Kuchen. Rebaus Naturgeschichte wurde so lange gelesen, bis nichts mehr davon übrig war, und ohne irgendwelche Anleitung zu haben, sammelte und bestimmte ich, so gut es ging, Steine, Pflanzen und Tiere. Mit zwölf Jahren durchstreifte ich meist ganz allein, meilenweit die Heiden, Moore und Wälder, wobei ich allerlei seltsame Abenteuer erlebte.

 

So geriet ich einmal, als ich mich in einer einsamen Kiefernheide beim Fang des bunten Dünenmaikäfers verspätete, mitten in ein Treiben, das ein Dutzend Wilddiebe mit geschwärzten Gesichtern abhielten. Ein anderes Mal stellten mich drei junge, fette Zigeunerweiber, deren ich mich nur durch Fußtritte und Faustschläge erwehren konnte. Wieder einmal platzte ich mitten in eine Amtskommission hinein, die bei der Leiche eines von Holzdieben ermordeten Försters den Tatbestand aufnahm. Beim Besuch einer Seeschwalbensiedlung, die sich auf einer Insel im Klotzowmoore befand, ertrank ich beinahe. Acht Tage nachher biß mich eine Kreuzotter. Wieder einmal, als ich am Fuße einer dicken Eiche vor Übermüdung eingeschlafen war, erwachte ich von Stimmen; zwei Waldarbeiter und der Förster standen da und besahen einen alten Trinker, der sich, während ich dort schlief, an der anderen Seite des Baumes erhängt hatte, ein Erlebnis, das mich übrigens ganz kalt ließ.

 

Teils durch meinen Vater, teils durch das Leben auf Gütern und Förstereien, auf denen ich meist die Ferien verbrachte, wurde ich Fischer und Jäger, doch war mir schon damals ein unbekannter Fisch, ein seltener Vogel, eine regelwidrig gefärbte Eichkatze von größerem Werte denn ein gutes Gehörn oder ein ganzer Galgen voller Hühner. Der Begriff des sportlichen Rekordes ging mir nie ein. Mein erster Rehbock erregte mich lange nicht so wie der erste Seidenschwanz, den ich im Sprenkel fing, und als ich einen achtzehnpfündigen Hecht schottete, war ich längst nicht so stolz als an dem Tage, da ich in der Küddow die erste Groppe, ein spannenlanges Fischchen, kätscherte. Ich schoß auf meinen ersten Hirsch wie nach der Scheibe, aber als ich in den Sagemühler Fichten die Schwarzdrossel als Brutvogel fand, flog mir das Herz.

 

Schon damals war ich der Heide angeschworen. Ich konnte vor Freude über die Pracht des maigrünen Buchenwaldes nasse Augen bekommen, aber die Heiden, Kiefernwälder, Moore und Brüche lockten mich noch mehr. Ähnlich ging es mir mit den Menschen; auch bei ihnen lockte mich das Ursprüngliche. Ich war der Freund der Hütejungen, Fischerknechte, Waldarbeiter; meine sehr zivilisierten Mitschüler, die mit sechzehn Jahren Zigaretten rauchten und Fensterpromenaden machten, langweilten mich. Einer meiner Lehrer sagte mir einmal: „Gewöhnen Sie sich die Tendenz nach unten ab!“ Es ist mir nicht gelungen. Mein Interesse, oder mein Herz, ist bei dem breiten Unterbau meines Volkes geblieben, auf dem das Leben der Nation schließlich beruht, bei den Bauern, Handwerkern und Arbeitern. Mir schmeckt es stets besser, wenn ich am gescheuerten Tisch über den Daumen frühstücke, als wenn ich mich in Frack und Lack zwischen weißen Schultern durch zehn Gänge durchesse und Konversation machen muß.

 

Oft genug hat die sogenannte Gesellschaft darüber die Nase gerümpft, daß ich mich in anderer als der vorschriftsmäßigen Weise dem sogenannten Volke näherte, oder man sagte mir, wie um mich zu entschuldigen: „Sie machen dann wohl Studien?“ Ach nein, so ist das nicht! Ein Schriftsteller, der bewußt sein Volk studiert, wird es nicht weiterbringen als ein Emile Zola, nämlich zu lose verbundenen Einzelheiten. Leben muß man darin, ganz darin aufgehen, sich als eins mit seinem Volke fühlen, um etwas so Großes zu schaffen, wie es Jeremias Gotthelf glückte. Ob mir das je gelingen wird, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß das starke Interesse, das ich von jeher der breiten Masse des Volkes entgegenbrachte, ein unbewußtes Studium war, und daß es ein Glück für mich war, in einer kleinen Ackerbürgerstadt aufgewachsen zu sein, in der bei allem Kastengeiste die verschiedenen Volksklassen fortwährend miteinander in innige Berührung traten.

 

In der Großstadt flirren die Menschen an einem vorbei wie die Landschaft am Fenster der Eisenbahn; in der Kleinstadt sieht man seine Nebenmenschen so genau wie die Landschaft bei einer Flußwanderung. Alle behielt ich sie im Gedächtnisse, die Leute der kleinen Stadt, vom vornehmen Gerichtsrat bis zum trunkfälligen Arbeiter, der jeden Sonnabendabend in der Gosse lag, von der strahlenden Stadtschönheit bis zu der schmierigen Armenhäuslerin, die Haus bei Haus betteln ging. Ein volles Bild der ganzen Landschaft mitsamt der Stadt und ihren Menschen habe ich in mir: jetzt, wo ich vierundzwanzig Jahre von dort fort bin. Als Knabe habe ich es gelernt, eine Stadt als ein Erzeugnis der landschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse aufzufassen, ein lebendiges Wesen in ihr zu sehen, an dem jedes Organ seinen Wert hat und bei dem sogar die Schmarotzerexistenzen von Belang sind.

 

Ich habe später oft genug beklagt, daß ich nicht in einer größeren Stadt aufwuchs, die mich mehr Weltklugheit gelehrt hätte, in der ich mein Zeichentalent besser hätte ausbilden können, in der ich die Möglichkeit hatte, mir mehr naturwissenschaftliche Literatur zu beschaffen. Heute weiß ich, daß ich es nicht besser treffen konnte. Ich bildete nicht alle meine Fähigkeiten aus und wurde dadurch nicht flach; ich trat, ohne befangen zu sein durch Bücherstudium, vor die Natur, und lernte sie so besser kennen, als wenn ich vor der Zeit mich mit Einzelheiten beschwert hätte; und daß ich nicht ein kalter, weltkluger Mensch geworden bin, das hat mir oft geschadet, aber im Grunde bin ich froh darüber. Ich hätte vielleicht mehr erreicht, aber ich glaube nicht, daß ich dadurch zufriedener geworden wäre.

 

Als ich achtzehn Jahre war, wurde der Wunsch meines Vaters, wieder zurück in die Heimat zu kommen, endlich erfüllt; er wurde nach Münster versetzt. Unterwegs blieben wir eine Woche in Berlin. Ich weiß von Berlin nicht mehr als das, was ich im Zoologischen Garten, im Aquarium und im Zoologischen Museum sah, höchstens noch, daß ich mich im Café Bauer über die Maßen langweilte, daß mir die Sicherheit, mit der ein fünfjähriges hübsches Mädchen allein in den Stadtbahnzug hineinsprang, sehr bewundernswert vorkam, und daß ich eine hohläugige, jammervoll aussehende Frau, der ich aus Mitleid Streichhölzer abkaufte, für immer im Gedächtnisse behalten werde. Viel wichtiger erschien mir aber damals, als ich jenseits der Elbe die ersten Rabenkrähen sah, daß ich bei Paderborn auf richtigen Felsen stand und wirkliche, lebendige Salamander fing.

 

Dort, in der Heimatstadt meiner Mutter, entdeckte ich auch meinen Sinn für Geschichte. Schon in Deutsch-Krone hatte ich neben naturwissenschaftlichen und geographischen Büchern und Reisewerken fast die ganze große geschichtliche Bibliothek meines Vaters durchgelesen und mich vorzüglich auf alles Kulturgeschichtliche gestürzt; in Paderborn trat mir die Vergangenheit aber handgreiflich entgegen. Und zwar war es weniger die Stadt selber mit ihren alten Bauwerken, als die Stimmung, die über meinem großelterlichen Hause lag. Die Grube hieß die Straße; der Name allein schon hatte altersgrauen Klang. Eine hohe Mauer, von einem Gartenhäuschen geziert, sperrte das Grundstück ab. Ein seltsam alter Garten mit herrlichen Blumen und köstlichem Obst wirkte wie ein Bild aus früherer Zeit, und märchenhaft mutete mich das hohe, ganz von weißen, roten und gelben Kletterrosen berankte Haus an.

 

Trat man ein, so schlug einem ein herber Geruch von Erinnerungen entgegen. Alte Waffen, Geweihe, Bilder und Schnitzereien im Treppenhause, und auf Schritt und Tritt vom Wohnzimmer bis zur Bodenkammer, fanden sich Andenken an alte Tage. An der Wand hingen die beiden Feuerschloßpistolen, die ein Ururonkel, der in österreichischen Diensten gegen die Türken gefochten hatte, führte; als Graf Kramer von Kronenberg war er geadelt. In einem Empireschranke lagen seine Briefe. Daneben standen die Jahrgänge der Gunloda und Arminia, die mein Urgroßvater, Oberlandesgerichtsrat Moritz Bachmann, ein guter Freund Freiligraths, herausgegeben hatte, und mit heißen Backen las ich die zum Teil recht kecken Gedichte des Mannes, dessen strenges, bartloses, tieffaltiges Bauerngesicht von der Wand herabsah. Er hatte die unheimliche Gabe des zweiten Gesichtes, trotzdem er ein Weltmann und ein Rationalist war, und ein Stück davon, wenn auch sehr wenig ausgeprägt, vererbte er mir. Ich bin ihm deswegen nicht böse.

 

Bisher hatte ich mich ganz als Einzelwesen gefühlt; nun empfand ich Stammesbewußtsein. Stärker wurde es, als ich nach Münster kam. Erst war ich kreuzunglücklich. Meine Schulkenntnisse reichten, besonders im Griechischen, nicht aus. Ich hatte in Deutsch-Krone ausgezeichnete Lehrer gehabt, die mir Fleisch und Blut des Griechentums gegeben hatten; in Münster aber wurde genaueste Kenntnis der Knochen verlangt, und man brachte es fertig, mir mit den unregelmäßigen Verben alles, was Griechisch war, gründlich zu verekeln. Körperlich ging es mir auch schlecht; ich vermißte den heilsamen Ostwind und klappte in dem Treibhausklima zusammen. Die niedliche Wallheckenlandschaft mißfiel mir trotz ihrer mir fast ganz fremden Tier- und Pflanzenwelt völlig, und das Volk erst recht. Es dauerte aber nicht lange, und der Anpassungskater war überwunden. Ich sah bald ein, um wie viel gebildeter im besten Sinne meine Mitschüler waren, wenn sie auch lange nicht so zivilisiert waren wie die Gymnasiasten im Osten; bald hatte ich Freunde, wirkliche Freunde, und es waren kaum zwei Jahre vergangen, da war ich bewußt das, was ich unbewußt immer gewesen war, Niedersachse.

 

Ein Heißhunger nach tieferer Bildung kam über mich. Zum ersten Male in meinem Leben arbeitete ich zäh und zielbewußt für die Schule und sogar die Mathematik, die ich bisher gehaßt hatte, lernte ich beinahe gern haben. Heute ist es mir unfaßbar, wie ich neben den Vorbereitungen zur Abgangsprüfung eine solche Unmenge von westfälischer Geschichte, neuer Literatur und Zoologie habe bewältigen können. Denn in Münster lernte ich, was es heißt, systematisch Naturwissenschaft treiben. Mit einigen Freunden arbeitete ich schwierige Käfergruppen durch, vertiefte mich in das Studium von Schnecken, Muscheln und Holzläusen, erweiterte meine botanischen Kenntnisse und konnte, als ich eben das Gymnasium verlassen hatte, einige kleine Arbeiten in zoologischen Fachblättern herausgeben, die heute noch in gewisser Weise ihren Wert haben.

 

Ich studierte nun Naturwissenschaften, mußte aber auch Medizin studieren. Diese gefiel mir gar nicht, und die Zoologie, die damals fast ganz in der Mikroskopie aufging, erst recht nicht. Außerdem drängte es mich zur Literatur. In wenigen Jahren verschlang ich alles, was ich an deutscher und fremder Literatur in die Finger bekam. Die Revolution in der Literatur war hereingebrochen; Bleibtreu, die Harts, M. G. Conrad fochten in der ersten Reihe, Zola war Feldgeschrei. Zu meinem Entsetzen sah ich ein, daß ich ein ganz altmodischer Mensch war, der romantische Balladen schrieb, Zola langweilig fand und wider Willen höchst bösartige Epigramme gegen Lew Tolstoi schreiben mußte. Der ganze hochgepriesene naturalistische Quark war mir in der Seele zuwider; mein Herz war bei Annette von Droste-Hülshoff und nachher bei Liliencron. Nietzsche war mir nur interessant, da er so hübsch dunkel über die hellsten Sachen schrieb.

 

Im Grunde war es eine schlimme Zeit. Ich war mit mir nicht zufrieden und andere erst recht nicht. Arzt mochte ich nicht werden, und die zoologische Laufbahn sah damals kläglich aus. So sprang ich mit beiden Beinen in das Zeitungsfach. Erst war ich in der Pfalz im Feuilleton, dann reiste ich für einige größere Zeitungen als Stimmungsberichterstatter. Dabei lernte ich äußerlich allerlei, denn heute schrieb ich über eine Fürstenzusammenkunft, morgen über Streikunruhen und übermorgen über die Cholera in Hamburg. Schließlich blieb ich in Hannover hängen. Ich begnügte mich damit, ein annehmbarer Schilderer, lustiger Plauderer und gewandter Redakteur zu sein; daß ich je ein guter Schriftsteller werden würde, glaubte ich nicht mehr, und, wenn ich das Heftchen sah, in das ich als Bursche meine Verse geschrieben hatte, überkam mich ein aus Spott und Wehmut gemischtes Gefühl. Jahrelang kam ich kaum zu mir selbst. Ich führte ein ganz äußerliches Leben, das sich in der Hauptsache zwischen der Zeitung und der Jagd abspielte.

 

Schließlich war wohl die Jagd meine Rettung. Suche und Treibjagd langweilten mich; die heimliche Pürsch in Heide, Moor und Wald brachte mich wenigstens einige Stunden zum Nachdenken. Ich sah, während ich an Bock und Fuchs dachte, die Natur in ihren großen Umrissen; ich lernte, daß mir das Landvolk mehr bot als das der großen Stadt. Ganz urplötzlich entstand mitten zwischen den journalistischen Arbeiten ein Gedicht, das sich sehen lassen konnte, eine Skizze, die Form besaß; ein paar tüchtige Männer, hier ein Volksschullehrer, da ein Maler, die mir Freunde wurden, boten mir mehr als die flachen Salonbekanntschaften, aber die beste Lehrerin war mir doch die Heide. Ich durchstreifte sie, die Büchse über das Kreuz geschlagen, nach allen Richtungen, wohnte wochenlang in der Jagdbude, lebte monatelang unter Bauern, und dann, wenn ich wieder im Stadttrubel war, formte sich das, was mir der Wind, der über die Heide ging, erzählt hatte, zu fester Gestalt.

 

So entstand, ganz ohne mein bewußtes Wollen, fast alles, was „Mein braunes Buch“ enthält. Dann wieder stieß mich ein inneres Erlebnis zum Verse hin. Ich begann mich als Dichter zu fühlen. In drei Wochen schrieb ich „Mein goldenes Buch“ hin. Damals gefiel es mir, denn es bedeutete eine Rettung für mich; heute weiß ich, daß vielleicht ein Drittel der Gedichte von Wert sind: die anderen nicht. Aber die Hauptsache war: ich fing an, an mich zu glauben. Und so suchte ich die besten Jagdschilderungen heraus und stellte sie als „Mein grünes Buch“ zusammen. Es gefiel. Ich bekam Mut, kramte meine Mappe durch, und „Mein braunes Buch“ entstand. Es wurde mehr gekauft, als es verdient, denn es enthält sehr ungleichwertige Stücke. Schließlich fand ich, daß ich Tiergeschichten genug für ein Bändchen habe; so kam „Mümmelmann“ heraus und hinterher „Was da kreucht und fleucht“. Ab und zu gelang mir auch eine Ballade. Wie sie entstanden, das weiß niemand weniger als ich. Irgendeine eigenartig beleuchtete Landschaft, die ich, wer weiß vor wieviel Jahren, sah, ohne bewußt darauf zu achten, tritt vor mich, und in ihr der schattenhafte Umriß eines Menschen. Plötzlich ist die erste Strophe mit dem einzig dafür möglichen Versmaße da. Damit bin ich dann lange behaftet. Mit einem Male muß ich schreiben. Es ist, als wenn ich nur zuzugreifen brauche; alles geschieht ohne mein Wollen. Hinterher wundere ich mich, woher ich das wußte, wie ich das konnte. Alles, was an meinen Dichtungen, sei es Vers, sei es Prosa, gut ist, steht außerhalb meines äußeren Wollens. Ich habe einst Balladenstoffe gesammelt; sie sind in ihrer Mappe verstaubt, ohne daß nur aus einem etwas wurde. Dann aber belästigte mich mit einem Male eine Vorstellung, quälte mich irgendein geschichtliches Ereignis, über das ich vor Jahren flüchtig hingelesen hatte, zwang mir den Bleistift in die Hand, und da stand sie, die Ballade, lachte mich an und sagte: „Na, was sagst Du nun?“ Auf diese Art ist „Mein blaues Buch“ entstanden, das ich jetzt herausgeben soll. Eigentlich will ich nicht, aber ich habe es meinem Verleger versprochen. Alle Verantwortlichkeit fällt auf ihn.

 

Genau so ist mein erster Roman entstanden. Ich war die Großstadt leid. Man bot mir die Redaktion in Bückeburg an; ich nahm sie. Ich hatte bei all den schönen Versprechungen, die man mir machte, nicht geahnt, daß hier außer Setzen und Zeitungsaustragen der Redakteur beinahe alle andere Arbeit zu tun hat, die es bei einer Zeitung gibt. Arbeit, die nie abriß und aus lauter törichten Nichtigkeiten bestand, dazu gar kein geistiges Leben, kaum ein Mensch, der mir innerlich etwas bot, und eine Landschaft, die zuerst ganz nett aussah, mich aber bald recht langweilte.

 

Ich bekam Sandhunger, Heidhunger, Heißhunger nach meinen Heidbauern. Mitten in einem Übermaß von Arbeit und Ärger stand der Hansbur vor mir, stieß mich, der ich vor Überarbeitung und Erkältung kaum stehen konnte, an den Schreibtisch, und kalt und ruhig, als schrieb‘ ich an einer trockenen zoologischen Arbeit, schrieb ich zwischen Leitartikeln über die Finanzreform und Berichten über Hoffestlichkeiten das Leben eines Heidbauern hin, der in einer Zeit lebte, die ich nur aus dem Munde ganz alter Leute kenne und aus den Sprüchen und Schnörkeln, die auf den alten Schoppen und Tellern stehen, die ich auf meinen Pürschgängen in der Heide geschenkt bekam. Ohne es zu wollen, fand ich für den Stoff auch den Stil. Die einzig wirklich frohe Minute, die ich hier im Lande erlebte, war, als Lulu von Strauß und Torney mir sagte: „Was mir an dem Roman nicht gefällt, ist, daß ich ihn nicht schrieb.“ Die Lehmlandschaft und die unglückliche Stellung waren vielleicht nötig, daß ich dazu kam, zu glauben, daß ich etwas kann. Als vor kurzem zwei Schriftsteller über mich große Aufsätze schrieben, schämte ich mich, denn allzusehr erschienen sie mir als Lob auf Vorschuß. Meine große Angst, eher sterben zu müssen, ehe ich etwas wirklich Wertvolles geleistet habe, ist jetzt zum Teil verschwunden, denn ich glaube, daß „Der letzte Hansbur“ Bestand haben wird. Ich darf das getrost sagen, denn mir ist, als hätte ich nur niedergeschrieben, was mir jemand über die Schulter diktierte, denn es erscheint mir eigentlich unmöglich, daß ich, der ich täglich mindestens acht Stunden an der Zeitung arbeiten mußte, in zwölf Tagen, freilich mit den halben Nächten, den Roman schrieb, und einige Wochen nachher, bei ebensoviel Arbeit und doppelt soviel Ärger und dreifachsoviel Sorgen, weil mir inzwischen wegen allzu großen Mangels an subalterner Gesinnung die Stellung gekündigt war, in vierzehn Tagen einen zweiten Bauernroman, „Da hinten in der Heide“, ebenso äußerlich kalt und ruhig hinschrieb wie den ersten.

 

Jetzt, wo mir beide Bücher in der Maschinenabschrift und im Korrekturabzuge als etwas Fremdes vorkommen und ich imstande bin, sie kritisch zu betrachten, entdecke ich, daß es Tendenzromane sind: in jedem wehrt sich ein Mann gegen sein Geschick, in dem einen gegen seine böse Veranlagung, in dem anderen gegen selbstverschuldetes Unglück. Und als ich neugierig den Kasten aufschlug, in dem ich Zettel mit dreißig bis vierzig Romanentwürfen aufhebe, finde ich, daß in allen, hier deutlich, da verloschen, die Absicht zu Tage tritt, der weichlichen Folgerungen, die so viele modische Schriftsteller aus der Vererbungstheorie ziehen, indem sie ihre Helden zu willenlosen Werkzeugen von Veranlagung und Schicksal machen, das Gegenteil entgegenzusetzen, nämlich Menschen zu zeichnen, die mit sich selber und dem, was man Schicksal nennt, den Kampf aufnehmen.

 

Wie ich dazu komme, ich weiß es nicht. Der Lehm mag wohl daran schuld gewesen sein, daß ich Sandlandleute schreiben mußte, und die geduckten Nacken, daß es mich danach hungerte, wirkliche Männer hinzustellen. Anders kann ich es mir nicht erklären.

Hermann Löns

 

Die „Selbstbiographie“ erschien 1909 im literarischen Monatsblatt „Eckart“ auf Bitten des „Verlages der Schriftenvertriebsanstalt“. Hermann Löns kam dieser Bitte mit folgendem Brief nach: „Schönsten Dank für die ehrenvolle Aufforderung, Ihnen eine Selbstbiographie zu liefern. Vor einem halben Jahre hätte ich das noch ablehnen müssen, da das, was ich bis dahin schrieb, alles Kleinkram in meinen Augen war. Inzwischen habe ich einen Bauernroman geschrieben, von dem Lulu von Strauß-Torney sagte: ‚Er ist vollendet,‘ und der mir selber sogar gefällt, und einen anderen, der auch wohl recht gut ist; komme außerdem noch mit einem Balladenband heraus und habe mich zu einer bestimmten Weltanschauung hingefunden.“

 (Entnommen: „Von Ost nach West, Selbstbiographie“ von Hermann Löns, Verlag der Schriftenvertriebsanstalt, Berlin, 1921)

 

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