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Hermann Löns, der
Schriftsteller
Ein Überblick von Dr. Widar
Lehnemann, Lünen
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Wie bei vielen Schriftstellern
besteht auch bei Hermann Löns ein enger Zusammenhang
zwischen Leben und Werk. Würde man diesen Beziehungen im
einzelnen nachgehen, ergäbe sich ein Geflecht von
Ursachen und Wirkungen, von Anlässen und deren
Verarbeitung, das von einer einführenden Darstellung
kaum in den Blick gerückt werden könnte. Unerlässlich
für eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Werk von Löns
ist die umfassende und zuverlässige Darstellung der
Erstausgaben, die Karl-Heinz Beckmann vorgelegt hat
(siehe unter "Bucherstausgaben").
Ein Buch mag einen biographischen
Anlass haben, es erschöpft sich aber nicht in ihm.
Überdies erlangt es mit seinem Erscheinen ein
Eigenleben, und je weiter der biographische Anlass
zurückliegt, desto mehr verliert er für das Verständnis
des Buches an Bedeutung. Gleichzeitig tritt das
Allgemein-Menschliche in den Vordergrund. |

Löns als moderner
Großstadtmensch in
Hannover (Foto um
1910); er arbeitet erfolgreich
als Journalist und Schriftsteller, ist dort bekannt und verkehrt in
angesehenen gesellschaftlichen
Kreisen |
Will man über das Gesamtwerk eines Autors
Übersicht gewinnen, wird man es deshalb zweckmäßigerweise unter
einem Aspekt sehen, der sich aus der Sache selbst ergibt.
Nahe liegend ist die Einteilung der Werke nach der Art der
Darstellung, also eine Gliederung nach literarischen Gattungen.
Das Werk von Hermann Löns war in der
Einschätzung bislang starken Schwankungen unterworfen, abhängig
vom jeweiligen politischen System. Man kann es nahezu als tragisch
bezeichnen, dass gerade diejenigen Menschen, die Hermann Löns
oder seinem Werk sehr nahe standen, zugleich auch diejenigen
waren, welche ihm durch schriftliche Äußerungen oder durch
öffentliches Auftreten - namentlich vor dem Zweiten Weltkrieg -
besonders schadeten. Zu ihnen gehören auch Dr. Wilhelm Deimann
und sein jüngster Bruder Ernst.
Gab es, wie einmal gesagt
wurde, nur Gegner und Verherrlicher des Dichters, scheint nun
die Zeit für eine abgewogene Auseinandersetzung, für eine
Rezeption "sine ira et studio", gekommen zu sein. Zu ihren
Voraussetzungen gehören nicht nur zeitlicher Abstand und
persönliche Unvoreingenommenheit, sondern auch eine zuverlässige
Gesamtausgabe der Werke. Die Ausgaben von Friedrich Castelle
(1924, von Deimann 1928 ergänzt durch zwei Bände "Nachgelassene
Schriften") und Wilhelm Deimann (1960) sind seit langem
vergriffen. Sie entsprechen auch nicht den Anforderungen, die an
eine moderne Edition zu stellen sind.
Die Gesamtauflage der Werke von Hermann
Löns beläuft sich auf über zehn Millionen Exemplare. Derzeit
sind ca. 35 Titel im Handel. Bücher von Löns sind in sechs
Sprachen übersetzt worden. Zuletzt erschienen 1999 eine italienische
Ausgabe des Romans "Der Wehrwolf" und 2006 in den USA
der Roman "The Warwolf" in englischer Sprache als Übersetzung
von "Der Wehrwolf".
Der Dichter Hermann Löns war Lyriker und
Erzähler, auf dem Gebiet des Dramas hat er sich nicht betätigt.
So umfasst sein dichterisches Werk Gedichte, Erzählungen und
Romane. Sieht man ab von seinen Beiträgen in der Anthologie
"Menschliche Tragödie. Gedichtbuch der Gegenwart" (1893), liegen
seine Gedichte in folgenden Bänden vor: "Mein goldenes Buch.
Lieder" (1901), "Mein blaues Buch. Balladen und Romanzen"
(1909), "Der kleine Rosengarten. Volkslieder" (1911), "Junglaub. Lieder und
Gedichte" (entstanden zwischen 1884 und 1890, posthum erschienen
1919).
"Fritz von der Leines ausgewählte Lieder" und
"Ulenspeigels ausgewählte Lieder" (erstere aus spezifischen
Anlässen zwischen dem 18.11.1894 und dem 10.1.1904, letztere
zwischen dem 2.4.1905 und dem 6.9.1908 mit Datum in der Presse
veröffentlichte Gedichte) sind heute nur noch von historischem
Interesse. Sie bestätigen die Wahrheit des Wortes, dass der
Journalist "dem Tage" dient.
Mit einer Anzahl von Gedichten aus
"Junglaub" erweist Löns sich in Übereinstimmung mit der
literarischen Moderne von damals, dem Naturalismus. "Mein blaues
Buch" legt Zeugnis dafür ab, dass er sich - wie Lulu von Strauß
und Torney, Börries Freiherr von Münchhausen und Agnes Miegel -
nach der Jahrhundertwende den Bemühungen um die Erneuerung der
Ballade anschloss. "Der kleine Rosengarten" ist als Versuch des
Autors aufzufassen, sich in die Tradition des Volksliedes zu
stellen. Besonders in der Vertonung durch angesehene
Komponisten, unter ihnen Fritz Jöde und Eduard Künneke, haben
einige von ihnen große Popularität erlangt. Mehr als 390
Komponisten haben Gedichte von Löns vertont. Sie alle sind
erfasst im Westfälischen Musikarchiv (Hagen). In
literarhistorischer Hinsicht sind viele der Gedichte von Löns
Beispiele für die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen", denn
ihr Verfasser stand den literarischen Strömungen seiner Zeit,
dem Naturalismus und dem Expressionismus, ablehnend gegenüber.
Diese Feststellung gilt auch im Hinblick
auf seine Romane, zu denen sich parallel die "modernen" Formen
der Gattung herausbildeten: "Der letzte Hansbur. Ein Bauernroman
aus der Lüneburger Haide" (1909); "Dahinten in der Haide. Roman"
(1910); "Der Wehrwolf. Eine Bauernchronik" (1910); "Das zweite
Gesicht. Eine Liebesgeschichte" (1912). Posthum 1917 erschien:
"Die Häuser von Ohlenhof. Der Roman eines Dorfes". Mit
diesem Werk ist Löns thematisch und kompositorisch neue Wege
gegangen.
Zu einem angemessenen Verständnis des
kontrovers gesehenen Romans "Der Wehrwolf" muss das gesamte
Textpotenzial herangezogen werden. In diesem Zusammenhang sei
auf die Einleitung zur italienischen Ausgabe verwiesen, die in
Heft 1/2000 der "Hermann-Löns-Blätter" in deutscher Übersetzung
erschienen ist. Darin heißt es: "Mit Andreas Gryphius
(1616-1664) hat ein berühmter Dichter den Verlust der
Menschlichkeit im Dreißigjährigen Kriege beklagt. In seinem
Sonett 'Tränen des Vaterlandes / Anno 1636' schreibt er nach der
Darstellung der Kriegsgreuel: 'Doch schweig ich noch von dem,
was ärger als der Tod,/ Was grimmer denn die Pest und Glut und
Hungersnot:/ Dass auch der Seelen-Schatz so vielen abgezwungen.'
- Es muß zur Ehre des Erzählers Hermann Löns gesagt
werden, dass er demselben Gedanken Raum gibt: 'Der Prediger
hatte einen schweren Stand, dass er seine Gemeinde bei Christi
Wort und Lehre hielt, denn wie an der Pest der Leiber, so
siechten an der greulichen Zeit die Seelen hin. - Das Herz
wollte ihm im Leibe stehen bleiben, wenn er erzählen hörte, in
welcher Weise die Bauern an ihren Peinigern Rache nahmen ...'
(Die Hochzeiter). - Als 1648 zu Münster und Osnabrück der
Westfälische Friede besiegelt wurde, ging von dort die Botschaft
in alle Lande, dass der Friede 'das beste aller Dinge' - das
höchste Gut - sei: 'Pax optima rerum'. Der heutige Leser, der in
seiner Sensibilität durch die Zeitgenossenschaft von Krieg und
Bürgerkrieg auf allen Kontinenten geprägt ist, müsste nach der
Lektüre des Romans 'Der Wehrwolf' zu derselben Überzeugung
gelangen".
Von den Romanzen und "Liedern im Volkston",
die er kritisch sieht, setzt der französische
Literarhistoriker Robert Minder (seinerzeit Professor an der Sorbonne und am Collège de France) die Löns'sche Kurzprosa ab,
wenn er feststellt: "Ganz anders die präzise, in alle Ritzen und
Poren des Heidelebens vordringende Prosa in den Erzählungen von
Löns" ("Lüneburger Heide, Worpswede und andere Heide- und
Moorlandschaften"). Hier gab Löns zweifellos sein Bestes. Die
Löns'sche Kurzprosa liegt, unterschieden nach Thematik und
Erzählsituation, in mehreren Ausprägungen vor. Folgende Titel
enthalten Jagdschilderungen: "Mein grünes Buch.
Jagdschilderungen" (1901), "Auf der Wildbahn. Jagdschilderungen"
(1912), "Ho Rüd' hoh!" (posthum 1918 erschienen).
Zu Recht schreibt Karl W. Künz im Nachwort
zur Auswahl von Tier- und Jagdgeschichten, die unter dem Titel
"Grün ist die Heide" als 123. Heft im Hamburger Lesehefte Verlag
erschienen ist: "In seinen einfühlsamen Natur- und
Tierschilderungen prägt er einen eigenen, unverwechselbaren
Sprachstil, durch den er eine neue Gattung der Erzählkunst, in
der die Natur selbst nicht den Hintergrund, sondern allein den
Mittelpunkt bildet, zur literarischen Kunstform erhebt".
Landschaftsschilderungen sind in den
folgenden Bänden enthalten: "Mein braunes Buch. Heidbilder"
(1909), "Da draußen vor dem Tore. Heimatliche
Naturschilderungen" (1911), "Mein buntes Buch.
Naturschilderungen" (1913), "Haidbilder. Neue Folge von Mein
braunes Buch" (1913).
Die Tiererzählungen sind gesammelt unter den
Titeln "Mümmelmann. Ein Tierbuch" (1909), "Was da kreucht und fleugt.
Ein Tierbuch" (1909),
"Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen" (Buchausgabe als Zusammenfassung aus Meerwarths
Sammelwerk "Lebensbilder aus der Tierwelt", posthum 1916), "Widu.
Ein neues Tierbuch" (posthum
1917), "Wasserjungfern. Geschichten von Sommerboten und
Sonnenkündern" (posthum 1918).
Die Jagdgeschichten sind
"Ich-Erzählungen". Bei ihnen steht das erlebende Ich im
Mittelpunkt. Die Tiergeschichten sind "Er-Erzählungen", das Tier
wird besprochen (Mümmelmann erscheint als "er"). Vergleicht man
"Mümmelmann" mit der motivgleichen Darstellung "Der Feldhase",
so tritt ein weiterer Unterschied in Erscheinung: der zwischen
dem Tier als Individuum und dem Tier als Gattungswesen.
In den Landschaftsbildern, die auch den
Menschen und Themen aus der Geschichte umfassen, kommen zum
einen persönliche Stimmungen des erlebenden Ichs zur
Darstellung, zum anderen Figuren und Situationen in der
Imagination eines vermittelnden Erzählers, der selbst hinter
seiner Thematik zurücktritt.
Schließlich sind noch die Plaudereien über
jagdliche und naturkundliche Themen zu erwähnen: "Kraut und Lot.
Ein Buch für Jäger und Heger" (1911), "Der zweckmäßige Meyer.
Ein schnurriges Buch" (1911). Der Ton kann sachlich sein, oft
ist er humorvoll, nicht selten satirisch; stets aber erreicht der
Autor den Leser.
Zuverlässigkeit im Faktischen und
Lebendigkeit in der Darstellung zeichnen die Löns'sche Kurzprosa
aus, die Zuverlässigkeit des Naturwissenschaftlers vom Fach und
die Lebendigkeit dessen, der der Natur als Jäger, als Wanderer
oder als Forscher mit wachen Sinnen begegnet. Löns hat seine
"Naturbücher" aus Einzeltexten zusammengestellt, die er zuvor
meistens in Zeitungen oder Zeitschriften veröffentlicht hatte.
An dieses Verfahren hielten sich auch spätere Herausgeber.
Bei der Sachprosa, die nach dem Tode des
Autors in Sammelbänden und Einzelausgaben erschien, gelangten
mehrere Voraussetzungen zu einer glücklichen Synthese:
journalistisches Gespür für die Aktualität eines Themas, ein
naturwissenschaftliches Fundament zu seiner Einschätzung, aus
dem sich auch Ansätze für Problemlösungen ergaben, sowie
schriftstellerische Begabung als Vehikel einer wirksamen
Vermittlung. Die Figuren und die Probleme, die in "Gedanken und
Gestalten" (1924) behandelt werden, dienten nicht zuletzt der
Klärung der eigenen Position als Autor und Mensch. Die
Überlegungen zu Natur- und Heimatschutz, die in den Band "Für
Sippe und Sitte" (1924) eingegangen sind (heute im Handel
unter dem Titel "Land und Leute" verfügbar), zeigen den engagierten
Streiter für die Erhaltung der Umwelt, der mit wenigen
Gleichgesinnten seiner Zeit weit voraus war. Die Essays über Städte
und Landschaften, die "Mein niedersächsisches Skizzenbuch"
(1924) enthält, gehen oft über das angeschaute Bild hinaus und
erfassen das, was man als "geistige Physiognomie" bezeichnen
kann. Alle drei Titel tragen den Zusatz: "Aus dem Nachlasse
herausgegeben von W. Deimann". Ein Teil der Texte war schon in
Zeitschriften veröffentlicht worden.
Nachdrücklich sei auch auf den
Naturwissenschaftler Hermann Löns hingewiesen. Den Weg zu ihm
hat für heutige Leser Karl-Heinz Beckmann gebahnt: "Hermann Löns
- ein bedeutender westfälischer Malakologe" (1988). Mit Gewinn
wird man auch die "Naturwissenschaftlichen Aufsätze und
Plaudereien" lesen, die Wilhelm Deimann 1928 nach den
Erstdrucken in Zeitschriften herausgegeben hat
(Nachgelassene Schriften, 2).
Das autobiographische Werk von Löns
umfasst
zwei Titel. In der Zeitschrift "Eckart", "Blätter für
evangelische Geisteskultur", erschien 1909 "Von Ost nach West.
Selbstbiographie". Erst 1986 wurden die Aufzeichnungen
veröffentlicht, die Löns zu Beginn des 1. Weltkrieges in Belgien
und Nordfrankreich machte. Karl-Heinz Janßen und Georg Stein als
Herausgeber wählten - mit einer Notiz des Verfassers - folgenden
Titel: "Leben ist Sterben, Werden, Verderben". Als
Untertitel fügten sie hinzu: "Das verschollene
Kriegstagebuch".
Das Bild von Hermann Löns wäre um einen
bedeutsamen Zug ärmer, wenn nicht auch das kleine Opus erwähnt
würde, das Traugott Pilf unter dem Titel "Eulenspiegeleien"
(1917) herausgab. Es enthält 28 Postkarten, die Löns an seinen
Freund Pilf schrieb und illustrierte. Es führt den Nachweis,
dass Löns über eine Doppelbegabung verfügte: die des Dichters
und die des Malers.
Wiederholt hat man versucht, Löns als
"Heimatschriftsteller" abzuwerten. Es trifft zu, dass er
vornehmlich die Lüneburger Heide dargestellt hat. Wer ihm das
aber vorhält, sollte bedenken, dass im Grunde genommen alle
bedeutenden Autoren "Heimatschriftsteller" sind. Was sonst könnte
ein Autor überzeugend gestalten, wenn nicht seine Heimat! Kein
Geringerer als Walter Jens hat den Gedanken betont, dass der
Schriftsteller die Heimat braucht ("Über die Heimatkunst"). Was
als Vorwurf gemeint ist, wird damit zur Auszeichnung.
Und welche Antwort lässt sich heute auf
die Frage nach der Bedeutung des Schriftstellers Hermann Löns
geben? Dass er zu den frühen Verfechtern des Naturschutzes und
damit zu den Wegbereitern des modernen Umweltschutzes gehört.
Dass er als Gestalter der Natur im Medium der Sprache Landschaft
als Lebensraum von Pflanzen und Tieren sowie als Heimat, als
kulturgeprägte Welt von Menschen, "verewigt" hat und sie damit
vor ihrem endgültigen Verschwinden bewahrt.

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