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Hermann-Löns-Blätter,
Heft 4 / 2006
(auszugsweise, ohne Bilder)

Inhaltsverzeichnis
Der Zigarrenstummel (von Hermann Löns)
Vorstellung der Löns-Briefmarke im Heidemuseum Walsrode
Hat Joseph Haydn Gedichte von Löns vertont?
Hermann Löns und das Essen
Leser-Echo
Volkstümlicher Nachmittag 2006 in
Uelzen
Buchrezension: Robert Kvinnesland: The Warwolf. Zur amerikanischen Ausgabe
„Der Wehrwolf“
Buchrezension: Werner
Schrader: Die ‚Heideschenke'
Buchrezension: Jörg
Rademacher, Christian Steinhagen: Gelehrtes Münster und rundum
Buchrezension: Wolfgang
Köpp: Manfred Schatz - Wildtier-Impressionen
Buchrezension: Olivier
Theobald: Lesebuch I
CD-Rezension:
Hannelore Elsner liest: Meine schönsten Weihnachtsgeschichten
Der Zigarrenstummel
Am Rande des Kleestückes steht ein
Kleebusch, der ist dreimal so hoch wie alle die andern und blüht
sieben Male mehr als alle seinesgleichen.
Das kommt daher, weil er vor dem
Grenzstein steht, und der Knecht sich gehütet hat, ihn
abzumähen, aus Angst, mit der Sense gegen den Stein zu kommen.
So kann der Kleebusch wachsen, wie er will, und blühen, wie es
ihm gefällt.
Es ist ein wunderschöner Busch. Seine
Stengel sind hoch und kräftig, sein Laub breit und frisch und
herrlich gemustert, und die Blütenköpfe sind dick, wie Pflaumen,
rot wie Rosen und voll von süßem Honig.
Darum hat er auch immer viel Säfte.
Allerlei Schmetterlinge laden sich bei ihm ein, Hummeln, Bienen,
Fliegen, und so summt und brummt und schwirrt und flirrt es den
ganzen Tag um die roten Blüten. Unter den Steinen, die der Bauer
ausgepflügt und neben den Grenzstein geworfen hat, wohnt ein
blanker Raubkäfer, der dafür sorgt, daß die Eulenraupen den
Busch nicht entblättern, und in dem Loch vor ihm wohnt eine
dicke gemütliche Feldmaus.
Heute ist so ein wunderschöner Abend, daß
die Maus vor ihrem Schlupfloche sitzt und wohlgefällig die
milde, von Blütenduft erfüllte Luft einatmet. Auch der große
blanke Käfer steckt den Kopf zwischen den Steinen heraus, bewegt
langsam die Fühler und freut sich der sanften Luft. Desgleichen
zwei Hummeln, die an den Kleeköpfen hängen, drei wilde Bienen
und eine Gammaeule; sie haben sich alle tüchtig vollgesogen und
fühlen sich satt und glücklich.
Nicht anders geht es dem Dichter, der mit
seinem Freunde den Feldweg entlang kommt. „Diese Luft, Eduard,“
spricht er und tut einen tiefen Zug aus seiner Zigarre, „regt
mich direkt zum Schaffen an. Sie ist wie eine weiche
Mädchenhand, die einem über, na, wie soll ich sagen, die Stirne
fährt. Ich habe wenigstens ein solches Gefühl. Ich werde nachher
versuchen, dieser Empfindung künstlerische Form zu verleihen.
Ich bin mir nur noch nicht über das Versmaß klar. Es muß dem
Inhalt entweder vollkommen gleich sein oder einen starren
Gegensatz dazu bilden. Du verstehst doch, lieber Eduard.“
Eduard nickt, wie immer, obgleich er es
nicht versteht, wie entweder das Eine oder das Umgekehrte das
einzig Notwendige sein soll. Aber er sagt das nicht; denn er
weiß, er behält doch nicht recht. So gehen denn beide weiter und
kommen vor das Kleefeld. Dort bleibt der Dichter stehen,
kräuselt entrüstet die Nase, runzelt finster die Stirne,
schnuppert und weist mit großartiger Gebärde nach einem
Fabrikschlote im Tale, der die letzten Ausläufer seines grauen
Qualmes bis auf die Höhe entsendet, wo sich der Dunst eben noch
bemerkbar macht. „Ekelhaft,“ spricht der Dichter; „nun ist meine
Stimmung wieder hin. Alles kann ich vertragen; nur nicht den
üblen Atem der Industrie. Laß uns weitergehen, Eduard!“
Spricht’s, schleudert voller Gift und Grimm seinen
Zigarrenstummel auf das Kleefeld und entfernt sich mit
Schritten, denen man seinen tiefen Groll ansieht.
Der Zigarrenstummel ist auf einen
Maulwurfshaufen gefallen, und da der Luftzug von links kommt,
weht der Rauch des Stummels nach rechts hin, wo der Kleebusch
steht. „Ekelhaft,“ denkt die Maus, niest und verschwindet in
ihrem Loche. „Ekelhaft!“ denkt der Käfer und verzieht sich
zwischen die Steine. „Ekelhaft!“ denken die beiden Hummeln,
brummen wütend und lassen sich zu Boden fallen. „Ekelhaft!“
meinen nicht minder die drei wilden Bienen und handeln so wie
die Hummeln. „Ekelhaft!“ will auch die Gammaeule denken, kommt
aber nicht dazu, weil sie in Ohnmacht gefallen ist.
Während dessen geht der Dichter neben
seinem Freunde her und schimpft andauernd darüber, daß ihm der
Atem der Industrie die Stimmung zerhunzt habe, ekelhaft zerhunzt.
Hermann Löns
Anmerkung der Redaktion: Ein
meisterlicher Artikel - ein typischer Löns!
Dass dieser Artikel hier erscheinen
kann, ist Dr. Helmut Prilop zu verdanken, der den Artikel in der
Zeitschrift „Der Guckkasten, Illustr. Zeitschrift f. Humor u.
Kunst“, Nr. 35, 18.10.1912, entdeckt hat.
Er ist auch in „Sturm und Stille“ 1936
veröffentlicht worden. Herausgeber war Karl Cajka, Wien.
Vorstellung der Löns-Briefmarke im Heidemuseum Walsrode
Vorstandsmitglied Prof. Dr. Fritz Fricke
hat am 2. September 2006 im Heidemuseum Walsrode die Briefmarke
der Österreichischen Post mit dem Denkmal von Löns (siehe
Titelbild), den Ersttagsbrief mit einem Bild von Löns nach einem
Gemälde von Wilhelm Kruke und das Ersttagsblatt mit der
Briefmarke der Öffentlichkeit vorgestellt. Die zahlreichen
Besucher waren einhellig der Meinung, dass es sich um sehr
gelungene Exemplare handelt.
Dr. Fricke ging auf den Werdegang ein.
Danach war die Idee, eine Briefmarke bei der Österreichischen
Post zu beantragen von Schriftleiter Gerhard Zahmel ausgegangen.
Dass dann auch ein Ersttagsbrief und ein Ersttagsblatt
herausgegeben werden sollten, war sein Vorschlag. In zahlreichen
Sitzungen des Arbeitskreises wurde über die Motive und
Gestaltung entschieden. Monika Bittner hat den Hintergrund der
Briefmarke gemalt. Das Werkfoto von Löns stammt von Gerhard
Zahmel. Die Texte sowie die Gestaltung des Ersttagsblattes und
des Ersttagsbriefes kamen wiederum von Dr. Fricke. Die mit viel
Arbeit verbundene Vermarktung hat er ebenfalls erledigt.
Zur allgemeinen Überraschung der Gäste
wies Gerhard Zahmel augenzwinkernd darauf hin, dass Dr. Fritz
Fricke noch etwas vergessen habe zu sagen, nämlich den Dank an
ihn, denn er habe die Hauptarbeit geleistet. Das Publikum dankte
mit viel Applaus.
Vielleicht wird auch einmal die Deutsche
Post eine Löns-Briefmarke herausgeben. Anträge in Deutschland
und in der ehemaligen DDR sind jedenfalls schon einmal gestellt
worden.
Geza
Hat Joseph Haydn Gedichte von Löns
vertont?
Aus Ipswich (Suffolk), England, erhielt
der Löns-Verband das Konzertprogramm eines Auftritts des „Kairos
Piano Trios“ am 21.01.2006 in Ipswich, von Erika Bülow-Osborne
zugesandt.
Zum Bereich Haydn lag ein Programm vor,
das auszugsweise abgedruckt ist. Danach hat es den Anschein, als
ob Haydn die Löns-Gedichte „Es weiden meine Schafe“, „Rose weiß,
Rose rot“ und „Ständchen“ vertont hätte. Da Haydn 1809 gestorben
und Löns erst 1866 geboren ist, war eine Vertonung schon aus
zeitlichen Gründen nicht möglich. Eine Nachfrage bei Gisela
Simon von der Bibliothek der Hochschule für Musik und Theater in
Hannover brachte dann sehr schnell des Rätsels Lösung.
Im „Handbuch für Musikliteratur“ wird
unter „schottische und valisische Volkslieder“ angegeben, dass
erstmalig mit „neuen passenden Texten“ ein Dr. Bernhard Engelke
16 Gedichte von Löns 1928 mit Kompositionen von Haydn unterlegt
hat. Darunter befinden sich Lieder wie „Es weiden meine Schafe“,
„Rose weiß, Rose rot“ und auch „Auf der Lüneburger Heide“.
Bernhard Engelke ist am 02.09.1884 in Braunschweig geboren und
starb am 16.05.1950 bei Kiel. Neben Werken von Haydn hat er auch
Werke von W. A. Mozart, L. Schröter und J. A. P. Schulz
herausgegeben.
Im Werkverzeichnis „Joseph Haydn“ von
Anthony van Hoboken wird unter „Ständchen“ angegeben „Ständchen
m. Text: Mein Kind, ich wüsst‘ es gar zu gern.“ Ein Textautor
(z. B. Löns) wird nicht genannt. Unter den ferner aufgeführten
Noten steht die Zeile „O Lassie art thoo sleeping yet“.
Im Programm wird „My love she’s but a lassie
yet“ zitiert. In dem in den Löns-Blättern nicht
abgedruckten Textblatt steht der Name H. Macnail, Esq., und der
Text „Mein süßes Liebchen, schläfst du noch, ...“ Das Gedicht
„Ständchen“ von Löns beginnt mit den Zeilen: „Es sprang die
Sonne übern Wald und ging im grünen See zur Ruh“. Damit ist
eindeutig belegt, dass in dem Konzert ein Text von Hermann Löns
zu „Ständchen“ nicht aufgeführt worden ist. Weitere
Nachforschungen könnten sich nur noch darauf beziehen, ob H.
Macnail den Text tatsächlich verfasst oder nur übersetzt hat.
Somit kann gesagt werden, dass Joseph
Haydn selbst keine Löns-Gedichte vertont hat. Es handelt sich um
Textunterlegungen aus dem Jahre 1928 von Bernhard Engelke.
Vielen werden aber die Löns-Gedichte mit Musik von Haydn nicht
bekannt sein. Das KAIROS PIANO TRIO tritt auch in Deutschland
auf, so dass es für jeden Interessierten leicht sein dürfte, in
den Genuss dieser Musik zu kommen. Die Auftrittsorte hat das
Trio in das Internet gestellt.
Gerhard Zahmel
Hermann
Löns und das Essen
Fast alle Sekundärthemen bezüglich Löns
sind schon abgehandelt worden. Es ist aber wenig bekannt
darüber, welche Vorlieben er beim Essen pflegte. Im Buch „Die
‚Heideschenke‘“ von Werner Schrader (siehe Rezension auf Seite
21) wird darauf eingegangen.
Die Wirtin Marie Lüßmann von der
Heideschenke hat zu diesem Thema etwas gesagt. Danach schmeckte
ihm besonders gut bzw. gab er Rezepte für folgende Gerichte:
· Der
Aal ist vor dem Braten mit Butter einzureiben
· Das
Hähnchen ist vor dem Braten mit Butter einzureiben
· Semmel
sind mit einem halben Pfund Schmalz und ein wenig Canehl
(zimtartiges Gewürz) herzustellen. Löns: „Das ist das Reellste,
was ich mir denken kann.“
· Heidecker-Schnaps
(Wurzeln einer Pflanze mit gelben Blüten, die zwischen der Heide
wächst und in Schnaps anzusetzen sind). Dieses Rezept wurde von
Löns der Wirtin gegeben.
· Steinpilzgericht
(Abkochen in Salzwasser, Pilze in Butter schwenken, Reisrand
darummachen, mit Petersilie garnieren). Dieses Rezept wurde von
Löns der Wirtin gegeben.
Vielleicht probiert die/der eine oder
andere Leserin/Leser diese Rezepte aus. Wie werden sie der
heutigen Generation schmecken? Vielleicht zu Weihnachten?
Gerhard Zahmel
Leserbriefe geben die Meinung des
Verfassers wieder. Aus Platzgründen können nicht alle Briefe
veröffentlicht werden. Kürzungen behält sich die Redaktion vor.
Zur
Löns-Briefmarke
Vielen Dank für die Übersendung eines
Exemplars des Ersttagsbriefes, über das ich mich sehr gefreut
habe.
Ewa Klamt, Straßburg
Da etliche Dankesbriefe eingegangen
sind, hat sich die Redaktion erlaubt, diesen Brief
stellvertretend für alle anderen zu veröffentlichen.
Ewa Klamt war Festrednerin zur
Löns-Woche 2004. Sie ist Mitglied des Europäischen Parlamentes
und Innenpolitische Sprecherin der EVP-ED Fraktion.
Zu
„Homepage des Löns-Verbandes“, Heft 1/2006
... und eine stete Freude ist mir zudem
die großartige Internet-Präsenz unseres Verbandes.
Rainer Kaune
Volkstümlicher Nachmittag 2006 in
Uelzen
Auch in diesem Jahr fand der Volkstümliche
Nachmittag am 29.10.2006 in der Stadthalle Uelzen regen Anklang.
Mit dem Lied „Lang, lang ist es her“, auf dem Keyboard gespielt,
leitete 2. Vorsitzender Ingo Zittlau den Nachmittag ein. 1.
Vorsitzender Ekkehard Tewer konnte unter den Gästen auch Landrat
Dr. Theodor Elster, Bürgermeister Otto Lukat, Heidekönigin Anika
Wilkens begrüßen. Er übermittelte die Grüße von Monika Seidel
für den Löns-Verband und führte aus: „Wir freuen uns mit der
Stadt Walsrode über ihr neues Löns-Denkmal verbunden mit der
Verausgabung einer Sonderbriefmarke hierzu durch die Republik
Österreich.“
Die wendländische Volkstanzgruppe „De
Öwerpetters“ brachte ihre traditionellen Tänze dar, so z.B.
„Wendland-“ wie auch „Handquadrille“. Ingo Zittlau spielte
Heimatmelodien wie „Rennsteiglied“ und „Wolgalied“. Der
Männergesangverein Concordia Wrestedt von 1881 sang Volkslieder.
Lieder wie „Auf zur Jagd“, „Die Schäferin“ und „Die zwei Hasen“
ließen eine romantische Heidestimmung aufkommen.
Am 28.10.2007 soll der nächste
Volkstümliche Nachmittag stattfinden.
E. T.
Buchrezension
„In ihm hat der 30-jährige Krieg einen
würdigen Gestalter gefunden“
Robert Kvinnesland: The Warwolf
Zur amerikanischen Ausgabe des Romans
„Der Wehrwolf“
Der Titel der Übersetzung ist eine
Neuprägung. Sie ist ein Glücksfall, darf man feststellen. Ins
Deutsche rückübersetzt lautet der Titel „Der Kriegswolf“. Damit
wird ein Aspekt des Buches akzentuiert, der den Lesern
unmittelbar einleuchtet und vielen aus der Seele spricht. Der
deutsche Titel „Der Wehrwolf“ ist bekanntlich vom Verb „sich
wehren“ abgeleitet. Die „Wehrwölfe“ wehren sich gegen die
Soldateska. Eine hin und wieder noch vertretene falsche Lesart
(ohne h) führt den Titel auf das (erschlossene) germanische Wort
„wer“ (lateinisch „vir“) mit der Bedeutung „Mann“ zurück und
sieht im Titelwort einen „Mannwolf“ vergegenwärtigt, einen Mann,
der sich von Zeit zu Zeit in einen Wolf verwandelt und wie ein
Wolf wütet. Dem so missverstandenen Titel würde englisches „Werewolf“
entsprechen.
Was der Übersetzer mit der Neuprägung zum
Ausdruck bringen will, ist seine Überzeugung, dass der Krieg den
Menschen zum Wolf macht, dass der Mensch im Krieg und durch den
Krieg zum Wolf wird. Nicht der Autor Hermann Löns wird
beschuldigt, aus Menschen „Wölfe“ gemacht (oder gar als solche
verherrlicht) zu haben, sondern der Krieg.
Auf der Titelseite ist auch des
Übersetzers Vision einer Wolfsangel abgebildet. Die Figur eines
Raben erscheint zwischen zwei Zweigen so, dass das Ganze als
Wolfsangel zu deuten ist - eine überlegte Inszenierung der
Grundfigur. Der Rabe ist nämlich als Vogel des Schlachtfeldes
bekannt. Als solcher spielt er beispielsweise in Wilhelm Raabes
Roman „Das Odfeld“ eine Rolle.
Wie beim Titel bemüht sich der Übersetzer
Robert Kvinnesland beim gesamten Text intensiv um eine möglichst
genaue Annäherung an das Original. In zahlreichen Fußnoten
erläutert er nicht nur Sachverhalte, die den amerikanischen
Lesern nicht so geläufig sind wie den deutschen (wie die
Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Chr.), sondern auch
Wörter, die eine spezifische Aura haben. So greift er, um ein
Beispiel zu nennen, die englischen Entsprechungen von „Bauer“
auf und erläutert (hier ins Deutsche übersetzt): „Für den
modernen englischen Leser haben die Wörter ‚farmer‘ und ‚peasant‘
geringere heroische Konnotationen (Mitbedeutungen) als Wörter
wie ‚freeman‘, ‚yeoman‘ usw. Ich finde es treffend, dass in der
deutschen Sprache ‚Bauer‘ auch ‚Erbauer‘ (‚builder‘) bedeutet,
denn was sonst ist der Bauer, wenn nicht der ‚Erbauer‘ des
Volkes. Diese ‚edle‘ Konnotation sollte der Leser im Gedächtnis
behalten!“ (1. Kapitel, Fußnote 3)
In seinem „Vorwort“ teilt der Übersetzer
mit, wie er das Werk als Ganzes sieht. Nachdem er darauf
hingewiesen hat, welche Möglichkeiten zur Information uns zur
Verfügung stehen und was sie uns vermitteln können, führt er
aus: „Doch trotz aller verfügbaren Mittel bleibt eins
festzustellen: Nur durch den großen Roman ‚Der Wehrwolf‘ von
Hermann Löns wird die wahre menschliche Perspektive des Krieges
offenbar. Der Leser kann in ihm unwiderruflich (und damit
unübertrefflich) die wirkliche Tragödie und die Schrecken des
Krieges im Allgemeinen sowie jener Zeit im Besonderen
begreifen.“
Insgesamt gesehen, darf man sagen, dass
eine so verständnisvolle und vorurteilsfreie Bewertung, wie der
Übersetzer sie vornimmt, in Deutschland zur Zeit nicht möglich
wäre. Die Frage, warum das so ist, läßt sich plausibel
beantworten: im Unterschied zu Deutschland ist Amerika nicht
durch eine Rezeptionsgeschichte des Werkes und seines Verfassers
belastet.
„Gräßlich, roh und lang“ - Zur Rezension
von George MacDonald Fraser,
The Wall Street
Journal, June 17 - 18, 2006
Die übersetzte Überschrift der Rezension
charakterisiert mit diesen drei Adjektiven nicht den Roman „Der
Wehrwolf“, sondern den Krieg, wie er in diesem „klassischen
deutschen Roman“ gesehen wird. Der Rezensent hegt nicht die
Aversion gegenüber Löns, die heute im deutschen Kulturbetrieb
üblich ist. Er ist bestrebt, eine sachliche Darstellung der
Übersetzung - und damit des Romans - zu geben. Dabei zeigt er
sich verständnisvoll, aber keineswegs unkritisch und schließlich
auch ausgesprochen sensibel.
Im Hinblick auf seine amerikanischen Leser
geht er zunächst auf den 30-jährigen Krieg ein. Angemerkt sei
dazu, dass jene Zeit im Unterschied zu den USA in Deutschland
bis heute immer wieder das Interesse von Dramatikern und Epikern
gefunden hat. So fügt sich Löns mit seinem Roman „Der Wehrwolf“
ein in eine Reihe, die durch folgende „Meilensteine“ angedeutet
sei: Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus (1668),
Schiller: Wallenstein (1800), Brecht: Mutter Courage und ihre
Kinder (1949), Grass: Das Treffen in Telgte (1979).
Nach den einleitenden Überlegungen widmet
Fraser sich eingehend dem Inhalt des Romans und führt aus:
„Seine Hauptperson ist Harm Wulf, ein junger Bauer, der in einem
abgelegenen Heidedorf im nördlichen Deutschland lebt. Als Gesetz
und Ordnung zusammenbrechen (die Besteuerung aber offensichtlich
nicht) und das Land ständig von den Konfliktparteien verwüstet
wird, verbergen er und seine Nachbarn ihr Vieh in einem
Zufluchtsort im Walde, aber schließlich sind sie zu bewaffnetem
Widerstand gezwungen. Zunächst hat dieser passiven Charakter,
aber bald gehen die Bauern dazu über, ihre Peiniger zu jagen,
Katholiken und Protestanten in gleicher Weise ...“
Der Rezensent setzt sich auch mit der
Position des Übersetzers auseinander. In seinem „Vorwort“ („Preface“,
womit aber nicht das oben zitierte „Foreword“ gemeint ist)
bemerke Robert Kvinnesland, dass die Bauern gezwungen seien,
schwierige Entscheidungen zu treffen, um ihre Häuser und ihre
Familien zu schützen, und er fügt hinzu. „Man kann nur sagen,
dass die Entscheidungen sie nicht lange aufhalten.“ Vielleicht
gerate eine „politisch korrekte“ Generation in eine moralische
Krise, wenn es um die Entscheidung geht, zu töten oder getötet
zu werden. Dies sei aber keine Entscheidung, die Harm Wulf und
seine Gefährten beunruhige. Sie würden, um Löns zu zitieren,
‚selbst genau so wie Wölfe‘ und hätten keine Skrupel, die Rache
zu genießen.“
Fraser resümiert, daß Löns eine Anzahl von
Gedichten und einen denkwürdigen Roman hinterlassen hat. „In ihm
hat der 30-jährige Krieg einen würdigen Gestalter gefunden.“ Der
Rezensent beendet seine Analyse mit einer kritischen Reflexion.
Er stellt zunächst fest, dass Löns eine aufregend unverblümte
Geschichte erzählt, „manchmal in grausigen Einzelheiten“, und
dass er doch den Blick eines Künstlers für die Natur habe; er
könne bei der Beschreibung der Landschaft und der Tierwelt so
anrührend lyrisch sein. Diese Leidenschaft für Schönheit und
Brutalität ist in den Augen des Rezensenten möglicherweise
eigentümlich deutsch - und beunruhigend.
„Als Harm stirbt und er als Verteidiger
seiner Mitmenschen geehrt wird, ‚von Gott für würdig befunden
... obwohl rot bis zum Hals in Blut‘, schauen die alten
Wehrwölfe zurück, ‚mit leuchtenden Augen, als sie an jene Tage
dachten ... so schrecklich und doch noch immer wundervoll‘. Das
sind Worte, die jedem einen Schauer über den Rücken jagen
können, der mit der Bedrohung durch jene Menschen konfrontiert
war, die Churchill ‚jenes unbarmherzige und tapfere Volk‘
nannte.“
Diese Bemerkungen stimmen nachdenklich.
Hier wird ein Zug, der bei Löns festgestellt wird - „this
obsession ... with beauty and brutality“ - verallgemeinert. Ob
er wirklich für alle Deutschen gilt, je auf alle zutraf? Es ist
aber zur Kenntnis zu nehmen, dass Engländer und Amerikaner die
Deutschen so sehen.
Dennoch dürfen wir fragen, ob es richtig
ist, dass die Deutschen ein für allemal so gesehen, so
abgestempelt werden. Deshalb muss hinzugefügt werden, dass die
heutigen Deutschen - wenn es ein solches Kollektiv denn gibt -
sich als Bürger eines neuen und geeinten Europas verstehen und
im Schlussgedanken des Rezensenten eher eine historische
Position sehen.
Dr. Widar Lehnemann
The Warwolf auf Englisch von Hermann
Löns in der Übersetzung von Robert Kvinnesland, 198 Seiten,
Verlag Westholme, USA 2006, Preis 24,95 US-Dollar
Buchrezension
Werner
Schrader: Die ‚Heideschenke‘
Die „Heideschenke“ an der Bundesstraße 3,
eingebettet in das Oertzetal, könnte viel erzählen. Am
30.07.1909 schreibt Löns in einem Brief an Kricheldorff: „Ich
wollte, ich könnte einmal in Wolthausen sein.“ Leo Mielke
schreibt in seinem Werk „Hermann Löns und Celle“, dass er dort
oft genug war. Wenn sein Name auch nicht in der 1986
erschienenen Chronik des Dorfes erwähnt ist, wird er nunmehr in
etlichen Kapiteln dieses Buches aufgeführt. Schrader geht auf
die Ursprünge der Schenke und die Eigentümer bzw. Inhaber
ausführlich ein. Im Kapitel „Die ‚Heideschenke‘ und Hermann
Löns“ wird festgestellt, dass Löns den Namen vorgeschlagen hat.
Gastwirt Hermann Lüßmann (sen.) und Wirtin Marie Lüßmann werden
zitiert mit dem, was sie mit Löns erlebt haben und über ihn
sagen konnten in den 17 Jahren, in denen er im Hause ein- und
ausgegangen war. Sie können wirklich viel erzählen und es ist
eine Lust, den Text zu lesen. Auf Seite 11 dieses Heftes wird
z.B. näher eingegangen auf Essen und Kochrezepte.
Von Löns sind auf den Seiten 131 bis 143
die Schilderungen „An der Oertze“, „An den Ufern der Örtze“ und
„Im Rauhhorn“ abgedruckt. „An der Oertze“ und „Im Rauhhorn“
wurden erstmalig 1898 bzw. 1901 in der Zeitschrift
„Niedersachsen“ veröffentlicht. 1897 hatte Löns den Text „An der
Oertze“ bereits dem Schriftleiter der Zeitschrift
„Niedersachsen“, August Freudenthal, zugesandt. „An den Ufern
der Örtze“ entstand erst 1905 und erschien in „Mein braunes
Buch“.
Es ist das besondere Verdienst des Autors
Werner Schrader, daß er nicht nur genaue Belege und Fundstellen
aufgeführt sowie ein Abbildungsverzeichnis und ein
Personenregister abgedruckt hat, sondern neben den schönen
Bildern auch die menschliche Seite von Löns und den Bewohnern
der Gegend beleuchtet. Ein Buch, das zu lesen sich lohnt!
Gerhard Zahmel
Werner Schrader: „Die ‚Heideschenke‘
Geschichte und Geschichten von und um den alten Löns- und
Oertze-Krug in Wolthausen“, viele Bilder in Farbe und
schwarz-weiß, 165 Seiten, gebunden, [ohne Erscheinungsort] 2004,
Herausgeber und Verleger: Axel Schondorff, zu beziehen bei: Zur
Heideschenke, Harburger Str. 2, 29308 Winsen Ort Wolthausen,
e-mail:
info@heideschenke.de, Preis 16,50 €
Buchrezension
Jörg
Rademacher, Christian Steinhagen: Gelehrtes Münster und rundum
Für Münster gibt es jetzt einen „Dichter
und Denker Stadtplan“, der von Jörg W. Rademacher und Christian
Steinhagen verfasst und bereits im Nov. 2005 erschienen ist. Auf
den Spuren von 88 Schriftstellern, Philosophen und Theologen
kann in Münster und Umgebung gewandelt werden. Es werden Namen
wie Annette von Droste-Hülshoff oder Joseph Ratzinger (heute
Papst) genannt und beschrieben. Selbstverständlich ist auch
Hermann Löns verzeichnet (S. 43 bis 45). So heißt es z. B.:
„1884 gelingt dem Vater die Versetzung in die westfälische
Heimat ans münstersche Paulinum.“ Die dann genannte Bezeichnung
„S2“ zeigt, wo das Gymnasium auf der Karte zu finden ist. Löns‘
Wohnungen bei seinem Freund Apffelstaedt sind genauestens
aufgezählt. Seine Schneckenforschung wird durch Erwähnung der
von ihm entdeckten, in der Nähe des Rüschhauses gefundenen
Schneckenart Planorbis Drostei gewürdigt. Natürlich wird der
Aufsatz „Die Münstersche Luft“ (1905) zitiert. Die Autoren haben
selbst nicht den „Heidekrug“ vergessen, in dem sich eine
Erinnerungsecke befindet.
Dieser sehr gute Stadtplan kann nicht nur
Löns-Interessierten empfohlen werden, sondern auch allen, die
eine besuchenswerte Stadt intensiver kennenlernen wollen.
Geza
Jörg W. Rademacher und Christian
Steinhagen: „Gelehrtes Münster und rundum“, 88 Schriftsteller,
Philosophen und Theologen: Wohnorte, Wirken, Werke, 97 Seiten,
Städtepläne und Umgebungsplan, 1. Auflage Nov. 2005, Verlag Jena
1800, Tel./Fax: 030/44050222, in jeder Buchhandlung zu beziehen,
Preis 14,80 €, ISBN 3-931911-32-2
Buchrezension
Wolfgang
Köpp: Manfred Schatz - Wildtier-Impressionen
Unser Mitglied Dr. Wolfgang Köpp aus
Alt-Rhese hat sein viertes Buch „Manfred Schatz -
Wildtier-Impressionen“ herausgebracht. Dieses Buch ist ein
Nachruf auf den leider viel zu früh verstorbenen im In- und
Ausland anerkannten Tiermaler unserer Zeit. Erschienen im
Nordwest Media-Verlag, Preis 24,80 €, ISBN 3-937431-35-7
Wolfgang Doose
Buchrezension
Olivier
Theobald: Lesebuch I
Unter dem Titel „Lesebuch I - Gedichte,
Aphorismen, Essays und Theaterstücke“ ist ein Band unseres
Mitgliedes Olivier Theobald (Thiébaud) erschienen, der im
November 2006 in München der Öffentlichkeit vorgestellt worden
ist. Neben den Gedichten aus der Zeit von 1981 - 2006 sind noch
2 Theaterstücke abgedruckt. Wie bekannt, hat Theobald das
Löns-Theaterstück „Rausch an der Leine“ verfaßt. Bei der
Buchvorstellung wurde u.a. ein Vortrag über Hermann Löns
gehalten, der ebenfalls abgedruckt ist. Dieser Essay wird im
nächsten Heft mit weiteren Informationen erscheinen.
Illustrationen von René Blöchlinger bereichern das Buch.
Geza
Olivier Theobald: „Lesebuch I -
Gedichte, Aphorismen, Essays und Theaterstücke“, Illustrationen
von René Blöchlinger, 262 Seiten, Geest-Verlag,
Vechta-Langförden, Tel. 04447/856580, 2006, in jeder
Buchhandlung zu bestellen, Preis 12,50 €, ISBN 978-3-86685-028-6
CD
Hannelore Elsner liest: Meine schönsten Weihnachtsgeschichten
Nach Redaktionsschluss erfährt die
Redaktion, dass der Weltbild-Verlag eine CD mit
Weihnachtsgeschichten herausgegeben hat. Neben Storm oder Heine
ist auch Löns vertreten, und zwar mit der Erzählung „Der
allererste Weihnachtsbaum“. Hannelore Elsner trägt professionell
vor. Auch hier zeigt sich wieder, dass Löns nach wie vor präsent
in allen Medien ist. Die CD ist ein empfehlenswertes
Weihnachtsgeschenk.
Hannelore Elsner liest „Meine schönsten
Weihnachtsgeschichten“ von verschiedenen Dichtern, umrahmt von
festlicher Musik. Von Löns: „Der allererste Weihnachtsbaum“.
Gesamtdauer: 62 Minuten. Bezug: Weltbild-Verlag, Steinerne Furt
70, 86131 Augsburg, Tel.: (0180) 535432. Erscheinungsjahr 2005.
CD Nr. ISBN 3-8289-7967-X. CD/Preis: 7,95 € unverbindlich
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